Stiftungszweck
Stiftungspreis
Stifter und Vorstand
    Preisträger
    Stiftungsjubiläum
  Preisverleihungen
Download
Kontakt
Impressum
 
 
 
   

ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

SCHWEINFURT

Deutschfeldstr. 39  •  97422 Schweinfurt  •  Tel. 09721 33411  •  Fax 09721 386407  •  E-Mail
 
 
Preisverleihungen
2000 2001 2003 2006 2008 2010 2012 2014 2016  
Begrüßung Laudatio Dankrede Tischrede        
 
 

Tischrede Prof. em. Dr. Ernst Nolte   Druckansicht

Meine Damen und Herren,

gestatten Sie mir bitte, ein paar Worte zu der heutigen Festveranstaltung zu sagen, die zunächst nur indirekt auf das Buch von Herrn Dr. Kronenberg Bezug nehmen und die dann immer unzweideutiger darauf zuführen sollen.
Ich bin manchmal gebeten worden, in einigen Sätzen zu erklären, worin der Kern meiner Konzeption besteht und weshalb sie so häufig und heftig angegriffen worden ist. Ich will hier den Versuch machen, indem ich einen konkreten und aktuellen Ausgangspunkt wähle.

Vor kurzem habe ich mit meiner Frau eine Reise durch die baltischen Staaten gemacht. In Riga haben wir das “Lettische Museum der Okkupation” besucht, das zahlreiche Exponate und Fotografien aus dem “Jahr des Grauens” enthält, wie die Letten die zwölf Monate der ersten sowjetischen Besetzung vom Juni 1940 bis zum Juni 1941 nennen. Wenig später sagte unsere lettische Reise- leiterin zu mir: “Man hat uns in Deutschland schreckliche Bilder von Deportationen und Konzentrationslagern gezeigt. Aber wir haben erwidert: “Das kennen wir doch schon; so etwas haben wir in unserer Heimat oft dargestellt gesehen, aber es fand auf der anderen Seite der Grenze statt.” Und ich muss bekennen:

Angesichts der Erinnerungsstücke und der Fotos aus dem “Gulag”, die in dem Museum zu sehen waren, habe ich viel Verständnis für jene Zehntausende von lettischen, estnischen und litauischen Männern, die unter allen Umständen eine Wiederkehr des “Jahr des Grauens” verhindern wollten und an der Seite der deutschen Truppen gegen “den Bolschewismus” kämpften. Sie verstanden sich offenbar nicht als Kollaborateure einer fremden Macht, sondern als Mitwirkende in einem übernationalen “europäischen Bürgerkrieg”. Eben dieser Begriff schließt eins meiner Grundkonzepte ein, wie es in dem Titel des Buches von 1987 zum Vorschein kommt.

Ich finde die Bedenken verständlich und sogar den Hass verstehbar, der dieser Konzeption seit vielen Jahren entgegenschlägt. Wird dadurch nicht der Nationalsozialismus als Faktor einer weltgeschichtlichen Auseinandersetzung begreiflich gemacht, ja möglicherweise gerechtfertigt? Sollen etwa die Deutschen dazu veranlasst werden, sich mit Stolz dieses Bürgerkrieges zu erinnern, wenngleich nicht aller seiner Erscheinungsformen?

Aber die Kritiker übersehen, dass mit jener These das Nachdenken erst anfängt. Kurz und grob verkürzt gesagt: Unter dem Befehl Adolf Hitlers führten die Deutschen diesen “Bürgerkrieg” nicht auf generös-europäische, sondern auf radikal-nationalstaatliche Weise, und dadurch luden sie in ihrer Mehrheit schwere Schuld auf sich, nicht zuletzt gegenüber den Freiwilligen aus den Baltenländern.

Noch viel schuldiger wurden zwar nicht “die Deutschen”, wohl aber die wenigen genuinen Ideologen wie Hitler und die Männer seiner Umgebung, welche auf die kommunistische “Klassenvernichtung” mit einer “Rassenvernichtung” antworte- ten, die aus partiell Mitwirkenden universale “Urheber” machten. Es war eine Tragödie, dass zu den Ausführenden auch ein Teil jener Freiwilligen gehörte. Noch in diesem Äußersten kam indessen auf grässlich-verzerrte Weise eine authentische, auch heute ungelöste Frage zum Vorschein, nämlich die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Universalen und dem Partikularen im Zeitalter der “Planetarisierung”.

Die Dinge sind also kompliziert, und ich wundere mich nicht, dass die Kritiker einzelne Thesen für das Ganze nehmen. Andererseits sind sie jedoch trotz aller Kompliziertheit im Grunde einfach, und es bedurfte nicht so sehr intellektueller Mühen als moralischen Mutes, um sie beim Namen zu nennen.

Auch Herr Kronenberg musste allem anderen zuvor Mut an den Tag legen. Schon die Anfänge seiner Arbeit drohten an dem Befremden bzw. der Feindseligkeit der übrigen Seminarteilnehmer zu scheitern. Aber er hat sich durchgesetzt und mit der Publikation seines Buches ein gutes Ende herbeigeführt.

Dieses Buch befasst sich so gründlich mit meinem Werk, dass ich gar nicht ganz selten Sätze las, die mir nicht mehr präsent waren und die zum Teil aus unpublizierten Arbeiten stammen, welche bald ein halbes Jahrhundert zurück- liegen. Vor allem jedoch hat Herr Kronenberg eine solche Fülle von einschlägiger Literatur verarbeitet, dass ich bei der Lektüre manchesmal auszurufen geneigt war: “Donnerwetter; ich wusste gar nicht, dass ich so viele Mitdenker hatte und in einem so breiten Strome schwamm.”

Aber Herr Kronenberg musste leider schon längst seinen Mut zur Tapferkeit des Ertragens verlängern. Sein Buch ist nämlich bis heute, von der rühmlichen Ausnahme des “Rheinischen Merkur” abgesehen, von keiner der überregionalen Zeitungen besprochen worden. Hier und da, z.B. bei der FAZ, hält man eine vermutlich ausgezeichnete Rezension zurück, anderswo liegt offensichtlich die Absicht des Boykotts vor. Ich will dazu nur einen Satz sagen: Wenn die Verantwortlichen direkt oder indirekt am ‘Historikerstreit’ teilgenommen haben, so müssten sie bei der Lektüre dieser Dissertation schamrot werden, und hier dürfte der tiefste Grund ihres Verhaltens zu finden sein.

Ich erhebe mein Glas zum Wohle von Herrn Kronenberg in Anerkennung seines moralischen Mutes, seiner intellektuellen Leistung und seiner Tapferkeit im Ertragen offenkundigen Unrechts. Aber ich trinke auch zu Ehren unseres vielkritisierten sozialen Systems, welches es immerhin möglich macht, dass aus privater Initiative ein solches Unrecht ausgeglichen werden kann, und daher bitte ich Sie, zugleich auf die Gesundheit der Stifter dieses Preises Ihr Glas zu erheben, des Ehepaares Erich und Erna Kronauer.