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ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

SCHWEINFURT

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Dankrede PD Dr. Bogdan Musial   Druckansicht

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrte Frau Kronauer,
sehr geehrter Herr Kronauer,
sehr geehrte Ehrengäste,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Meinen aufrichtigen und herzlichen Dank für die Ehre, die mir hier und heute zuteil wird. Ich bin tief bewegt von der Anerkennung, die mir durch die Preisverleihung der Erich UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG in der schönen Stadt Schweinfurt entgegengebracht wird. Meine Freude darüber ist um so größer, da es Versuche gegeben hat, das Buch zu skandalisieren, für das ich heute mit diesem Historiker-Preis für das Jahr 2001 ausgezeichnet werde.

Eine emotionale Auseinandersetzung über die im Buch vorgebrachten Thesen habe ich einkalkuliert, ihren Ablauf und Ausgang konnte ich aber nicht vorhersehen. Nach seinem Erscheinen im August 2000 wurde das Buch innerhalb von wenigen Wochen in den wichtigsten Printmedien besprochen. Die ersten Rezen- sionen waren überwiegend kritisch, überaus emotional und mit eindeutiger politischer Stoßrichtung. Bald meldeten sich jedoch andere Stimmen. Es folgten wissenschaftliche Rezensionen, deren Tenor überwiegend positiv war.

Die erwähnten emotionalen Reaktionen auf das Buch und seine Thesen reflektieren das vorherrschende Klima, in dem in Deutschland der Diskurs über die NS-Vergangenheit stattfindet, und zeigen zugleich, dass die Thesen des Buches offensichtlich einen empfindlichen Punkt berührt haben.

Meine Untersuchung behandelt skizzenhaft die Geschichte und Folgen der sowjetischen Besatzung in Ostpolen in den Jahren 1939-1941 sowie die Anfangsphase des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941. Ich habe dabei nicht den Anspruch erhoben, die endgültige Antwort auf die Frage zu geben, wie es zu dieser beispiellos brutalen Kriegsführung im Osten kommen konnte. Meine Absicht bestand lediglich darin, auf die Unzulänglichkeiten der bisherigen Untersuchungen zum Thema hinzuweisen, die sich weitgehend auf die Kriegsführung der deutschen Seite beschränkten, ohne den sowjetischen Anteil zu berücksichtigen. Daher war mein Ziel kein Perspektivenwechsel sondern vielmehr eine Perspektivenerweiterung.

Es müsste doch möglich sein, dass Forscher alle Faktoren, die zu dem komplexen Prozess der Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges beigetragen haben, ohne Tabus untersuchen, sie offen diskutieren und entsprechend gewichten.

Aber auch dann wird es Meinungsverschiedenheiten geben. Wie könnte es in einem demokratischen Land anders sein, das sich - im Gegensatz zu totalitären Staaten - durch Pluralität auszeichnet. Das Prinzip der Pluralität muss auch für die historische Wissenschaft gelten, die davon nur profitieren kann. Wenn bestimmte Thesen oder Werke einer sachlichen Kritik nicht standhalten, gleichgültig, wie “richtig”, d.h. politisch korrekt sie sein mögen, sind sie falsch. Sie müssen korrigiert oder fallengelassen werden. Zugleich darf es nicht sein, dass bestimmte Themen tabuisiert werden, nur weil sie dem politisch-korrekten Geschichtsbild zuwiderlaufen.

Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges war vom Beginn an ein Objekt von Entstellungen und Verfälschungen, die in erster Linie politisch und ideologisch bedingt waren. Nicht zu unterschätzen sind dabei auch fehlende Sachkenntnisse. Heute sind im Bereich der NS-Forschung Entkontextualisierung und Instrumentalisierung der historischen Ereignisse weit fortgeschritten. Es werden vielfach Thesen zu Genese und Verlauf bestimmter historischer Ereignisse aufgestellt, ohne dass zuvor ihr Kontext rekonstruiert worden wäre. Beispielsweise unterzog man Fotos psychoanalytischen Deutungen, ohne im Vorfeld kritisch geprüft zu haben, was sie tatsächlich zeigen. Im nachhinein stellte sich heraus, das diese Bilder in Wirklichkeit etwas vollkommen anderes darstellen, als die Autoren angenommen hatten. Dasselbe gilt für schriftliche Zeugnisse, wie manche Quellen sowjetischer Provenienz (insbesondere sowjetische Ermittlungsakten), die sogar von namhaften Historikern unkritisch rezipiert werden. Hier sieht man deutlich, wie durch fehlende Sachkompetenz offenkundige Fälschungen als glaubwürdige Zeugnisse eingestuft, rezipiert und als gesicherte Forschungsergebnisse einem breiteren Publikum vermittelt werden.

Hinzu kommt der globale Prozess der Mystifizierung der NS-Vergangenheit, insbesondere des Holocaust, der inzwischen von nicht wenigen beklagt wird.

Es ist auffallend, dass der Verlauf der großen öffentlichen Diskussionen der letzten Jahre viele Ähnlichkeiten aufweist. Ich meine hierbei: die Goldhagen-Debatte, den Konflikt um die alte Wehrmachtsausstellung und in letzter Zeit die Rezeption der Thesen von Jan Tomasz Gross. Diese Parallelen sind in der Tat verblüffend: Politisierung, Feuilletonisierung, Moralisierung, parareligiöse Rituale, emphatische Bekenntnisse von Schuld, Reue und Sühne, Mystifizierung historischer Ereignisse, Polarisierung der öffentlichen Meinung (in Gegner und Anhänger), hohe emotionale Mobilisierung sowie gegenseitige Verdächtigungen und Anfeindungen. Dies alles steht im umgekehrten Verhältnis zu der wissen- schaftlichen Qualität der jeweiligen Werke.

Es stellt sich nun die Frage nach den Ursachen für dieses Phänomen. Unseriöse Publikationen gab es immer und wird es immer geben. Bedenklich ist jedoch, wenn solche Publikationen die öffentlichen Debatten bestimmen.
Der Konflikt um die alte Wehrmachtsausstellung markiert den Höhepunkt der moralisierenden Geschichtsschreibung in Deutschland mit all ihren Tabus und Auswüchsen, ein gewissermaßen spezifisch deutsches Problem. Das Phänomen Goldhagen und seine Thesen von “eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen” und in noch viel größerem Ausmaß Jan Tomasz Gross mit seiner Schilderung des Pogroms in Jedwabne sind dagegen Produkte der so genannten Amerikanisierung des Holocaust (ich verweise hier auf die Thesen von Peter Novick), für die Mystifizierung, Entkontextualisierung und Kommerzialisierung kennzeichnend sind.

Wie haben sich Historiker zu verhalten, die dem globalen Trend nicht folgen wollen? Auf eine baldige Wende in dieser Hinsicht zu hoffen, ist meines Erachtens unrealistisch. Ich denke, das wenigste, was man dagegen unternehmen kann, ist, auf die Einhaltung der wissenschaftlichen Standards bei Publikationen zu beharren, die diesen Anspruch erheben, und das tun sie alle.

Tatsächlich herrscht im Bereich der NS- und insbesondere in der Holocaust- Forschung mangelhafte “Qualitätskontrolle” vor, die u.a. Raul Hilberg wieder- holt beklagte. So werden Publikationen und Thesen, die das allgemein geltende (politisch korrekte) Geschichtsbild bestätigen oder festigen, unkritisch als gesicherte Forschungsergebnisse akzeptiert. Hinterfragen halten viele für nicht notwendig und gar für unangemessen, offenkundige Mängel für unerheblich. Es geht soweit, dass die Wissenschaftlichkeit eines Werkes auf “richtige” Thesen und “erheblichen Arbeitsaufwand” reduziert wird, wie dies die Kommission zur Untersuchung der alten Wehrmachtsausstellung getan hat. Wie die Verfasser der angeblich wissenschaftlichen Werke mit Quellen umgingen, spielt offenkundig eine untergeordnete Rolle. Sie werden vielmehr als angebliche Tabubrecher gefeiert und geehrt.

Dies verleitet wiederum andere dazu, Thesen - zum Teil überspitzte, zum Teil unhaltbare - aufzustellen, die zwar das allgemein geltende (politisch korrekte) Geschichtsbild bestätigen oder festigen, sie aber wissenschaftlich nicht belegen können, sei es aus Nachlässigkeit, sei es aus Unfähigkeit, entsprechende Quellen zu finden, sei es aus Mangel an aussagekräftigen Quellen. Folglich strotzen ihre “Beweisführungen” vor Fehlern, Mängeln, ahistorischen Spekulationen und gar Manipulationen. In dem vorherrschenden Klima werden diese jedoch nicht nur wenig beachtet, sondern sogar vor sachlicher Kritik in Schutz genommen. Ihre Kritiker laufen dagegen die Gefahr, diffamiert und ausgegrenzt zu werden.
Hermann Lübbe stellte neulich fest: “Der ‚Historikerstreit‘ hat geschichtswissenschaftlich nichts gebracht, aber es hat möglich und üblich gemacht, an die Stelle von Einwänden moralische Disqualifikationen zu setzen.” (Frankfurter Rundschau, 30.6.2001). Die nachfolgenden öffentlichen Debatten über die NS-Vergangenheit waren davon geprägt, zeitweise sogar beherrscht. Und dies finde ich problematisch, nicht nur deswegen, weil ich selbst davon betroffen bin. Wie erwähnt, erleben wir gegenwärtig in Deutschland den Höhepunkt der moralisierenden Geschichtsschreibung im Hinblick auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Es gibt aber bereits Anzeichen für Veränderungen. Wir stehen möglicherweise vor einem Wandel von der moralisierenden zu der empirisch-analytischen und erkenntnisorientierten Historiographie, und ich hoffe sehr, dass dies nicht nur Wunschdenken bleibt.

Dieser möglicherweise bevorstehende Wandel wäre dann wohl auf den Generationswechsel zurückzuführen sein, der zur Zeit stattfindet. In vielen Gesprächen mit jungen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gewann ich den Eindruck, dass immer mehr von ihnen nicht mehr bereit sind, die moralisierende Historie mit ihren Tabus zu betreiben. Sie wollen historische Ereignisse möglichst vorurteilslos rekonstruieren, das Vergangene begreifen. Dass man dabei Fehler begeht und begehen wird, liegt in der Natur der Sache. Sie sollen aber offen und sachlich diskutiert werden, ohne die heute leider üblichen Verdächtigungen und Diffamierungen fürchten zu müssen.

Wir brauchen empirisch-analytische Untersuchungen zur NS-Vergangenheit, die sich nicht die Suche nach der moralischen Verantwortung zum Ziel gesetzt haben, sondern versuchen, die Geschehnisse zu rekonstruieren, ohne dabei tabuisierte Themen auszublenden. Zugleich dürfen wir die kommunistische Herrschaft und den kommunistischen Terror nicht vergessen. In diesem Bereich haben die Historiker besonders viel zu tun.

Es gibt Regionen in Europa, in denen sich die Geschichte der beiden totalitären Systeme gleichzeitig erforschen lassen. Zu diesen Regionen gehört vor allem das ehemalige Ostpolen, heute die westliche Ukraine und das westliches Weißrussland. Hier lassen sich exemplarisch die beiden Systeme, die hier ihre brutalsten Formen annahmen, untersuchen und vergleichen, ohne sie dabei gleichzusetzen. Hier können wir die Auswirkungen dieser so verschiedenen Besatzungssysteme auf die davon betroffenen Bevölkerungsgruppen erforschen.

Eine möglichst lückenlose Rekonstruktion der Geschehnisse in den ersten Wochen des deutsch-sowjetischen Krieges wird uns u.a. ermöglichen, davon bin ich überzeugt, den Übergang von der Verfolgung der Juden, die sich durch Diskriminierung, Ausgrenzung, Enteignung, Vertreibung und Gettoisierung auszeichnete, zum systematischen Mord an ihnen zu rekonstruieren.

Damit will ich keineswegs behaupten oder etwa suggerieren, dass die sowjetischen Täter für den Mord an den sowjetischen Juden verantwortlich bzw. mitverantwortlich seien. Für mich steht außer Zweifel, dass dafür die NS-Ideologie mit ihrem rassistischen Antisemitismus die Ursache ist. Die nationalsozialistische Judenverfolgung begann im Jahre 1933 und nicht erst im Sommer 1941. Sie radikalisierte sich zunehmend, um im Sommer 1941 in systematischen Erschießungen an Tausenden von Juden eskalieren. Der nationalsozialistische Antisemitismus führte aber dazu, dass bestimmte Ereignisse (hier die sowjetischen Verbrechen) wie im Zerrspiegel gedeutet wurden, so beispielsweise die Behauptung, die sowjetischen Juden seien in ihrer Gesamtheit für sowjetische Untaten, die es ja gegeben hat, mitverantwortlich. Tatsächlich waren dafür allein sowjetische Täter verschiedener ethnischer Herkunft verantwortlich, die sich zudem in der Regel rechtzeitig abgesetzt hatten. Diesen komplexen Wahrnehmungsprozess nachzuzeichnen, ist nicht nur eine wissenschaftliche Herausforderung.

Mein Wunsch für die Zukunft ist eine offene und sachliche Diskussion über NS-Verbrechen und Verbrechen der Sowjets, die ebenso eine uneingeschränkte Erörterung möglicher Wechselwirkungen zulässt. Dass wissenschaftliche Sachlichkeit und die Bereitschaft zu unbequemen Diskursen möglich ist, zeigt die heutige Verleihung des Historiker-Preises der ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG, zu deren dankbaren Preisträgern ich mich seit heute zählen darf.