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Tischrede Prof. em. Dr. Ernst Nolte   Druckansicht

Meine Damen und Herren,

ich möchte die Gelegenheit benutzen, um einige Worte zum Verhältnis von Wissenschaft und Emotionen zu sagen. Dabei kann ich von der heutigen Feierstunde ausgehen, und ich werde rasch dorthin zurückkehren.

Wissenschaft ist den Emotionen nicht feindlich und wird bei nicht ganz wenigen Gelegenheiten von Emotionen begleitet, etwa bei Ehrenpromotionen und auch bei Preisverleihungen. So begnügen wir uns hier nicht mit dem rationalen Urteil, dass in dem Buch von Herrn Musial viele richtige Aussagen enthalten sind, sondern wir freuen uns über die Ehrung, die ihm verdientermaßen widerfährt, und wir beglückwünschen ihn “von ganzem Herzen” und nicht etwa bloß aus der kühlen Einsicht des Verstandes.

Emotionen dürfen aber die Wissenschaft nicht nur begleiten, sondern sie wirken oft genug mit, um sie in Gang zu setzen. Heinrich Schliemann liebte die homerischen Epen, und das brachte ihn dazu, die Gegend von Troja zu erforschen. Auch die Sorge stand oft genug am Anfang wissenschaftlicher Bemühungen. Aber wer nur liebt oder nur von Sorgen umgetrieben wird, kann kein Wissenschaftler sein.

Gerade in diesen Wochen wurde uns anschaulich vor Augen geführt, was das Grundverhältnis zwischen einer starken Emotion und der Wissenschaft sein muss, nämlich die Abstandnahme und ein daraus resultierendes Nachdenken. Wir alle waren angesichts der präzedenzlosen, bis dahin unvorstellbaren Anschläge in New York und Washington zutiefst entsetzt. Der Ruf nach Rache und Vergeltung, der sofort ertönte, war eine nur allzu verständliche Reaktion, aber wenn er allverbreitet und dauerhaft wäre, würde eine wissenschaftliche Darstellung und ein wissenschaftliches Urteil für lange Zeit unmöglich sein. Von Anfang an wurden jedoch andere Denkmöglichkeiten artikuliert, wenngleich nur als Fragen: waren die Ereignisse vielleicht als eine Reaktion auf eine arrogante Außenpolitik der USA zu verstehen, lag ihnen das Elend der Dritten Welt zugrunde, oder kam darin bei aller moralischen Verwerflichkeit die tiefe Kränkung einer alten Kultur und Religion zum Vorschein, die überzeugt war, in ihrer Mitte sei mit List und Gewalt eine fremde Kolonie eingepflanzt worden? Nur weil verschiedene Interpretationen artikuliert werden können, besteht die Hoffnung, dass in Zukunft auch diese Vorgänge einer wissenschaftlichen Behandlung zugänglich werden. Glücklicherweise ist jedoch auszuschließen, dass die amerikanische Regierung je den Willen oder die Möglichkeit haben wird, ihre so überaus nahe liegende Auffassung zum Dogma zu machen, so gewiss die Erinnerung an das Entsetzen sich nie verlieren wird. Wenn das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte, würde für viele Jahrzehnte niemand in Europa gewagt haben, die nationalsozialistische Interpretation der Epoche und des Krieges in Zweifel zu ziehen: nur die Bolschewisten hätten Massenmorde über Massenmorde begangen und ganze Schichten und Völker ausgerottet, bis die Tat des Führers dem jüdisch-bolschewistischen Weltherrschaftsstreben ein Ende gemacht hätte. Vermutlich wäre das einstige Entsetzen vor der Klassenvernichtung von 1917/18 dem halben Vergessen entrissen und propagandistisch ausgeschlachtet worden.

Es siegte die kommunistische Sowjetunion im Bündnis mit den kapitalistischen USA und letztlich aufgrund des Entsetzens gegenüber der unerwarteten Machtergreifung einer antikommunistischen und antisemitischen Partei in Deutschland von 1933. Für mehr als vierzig Jahre war es im Osten Europas und tendenziell in großen Teilen des Westens ein unantastbares Dogma, dass “die Deutschen” 5000 Kriegsgefangene polnische Offiziere bei Katyn ermordet hätten, dass in Lemberg und in zahlreichen anderen Orten die deutsche Wehrmacht viele Tausende von Ukrainern und Polen erschossen habe und dass alle antijüdischen Pogrome auf Veranlassung der Gestapo aus Raubgier von einzelnen “Banditen” gegen deren “Nachbarn” ins Werk gesetzt worden seien.

Eine solche durch physische oder psychische Gewalt hervorgerufene Ein-Seitigkeit sollte nun diejenige Emotion hervorrufen, welche die Wissenschaft nicht nur begleitet und fördert, sondern welche in sich selbst eine wissenschaftliche Emotion ist, nämlich den Zorn über ideologiebedingte Fortlassungen und Verzerrungen großen Ausmaßes, die das eigentlich Menschliche, das Ineinander des Guten und des gewiss unterschiedlichen Bösen, des Verstehbaren und des Unverständlichen, zugunsten einer widerwissenschaftlichen Mythologie vom absoluten Bösen und vom absoluten Guten aus dem Blick bringen wollen. Wenn ich recht sehe, hat gerade Herr Musial sich von dieser Emotion leiten lassen, und wenn wir auf sein Wohl das Glas erheben, so bejahen wir in eins damit die bedeutende Rolle einiger Emotionen in der Geschichtswissenschaft und für die Geschichtswissenschaft.