Stiftungszweck
Stiftungspreis
Stifter und Vorstand
    Preisträger
    Stiftungsjubiläum
  Preisverleihungen
Download
Kontakt
Impressum
Datenschutz
 
 
   

ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

SCHWEINFURT

Deutschfeldstr. 39  •  97422 Schweinfurt  •  E-Mail
 
 
Preisverleihungen
2000 2001 2003 2006 2008 2010 2012 2014 2016  
Begrüßung Laudatio Dankrede Fotos        
 
 

Dankrede PD Dr. Friedrich Pohlmann   Druckansicht

Das Fremde und das Eigene - Vom Umgang mit der deutschen Geschichte im Zeitalter des Totalitarismus

Als ich vor gut 15 Jahren begann, mich intensiver mit dem Nationalsozialismus zu befassen, waren mir weder meine tieferen Motive dafür bewußt noch die Wege, die ich dabei beschreiten würde. Stark durch die Klassiker der Soziologie - Marx, Weber und Simmel - geprägt, schwebte mir vage die Intention einer Verortung des Nationalsozialismus, über den ich bis dato auch an der Universität noch nichts von Belang gelernt hatte, im politisch-sozialen und ideologischen Gefüge der europäischen Entwicklung vor, innerhalb dessen, was Max Weber “okzidentalen Rationalismus” genannt hat. Das war stark beeinflußt durch theoretische Bezüge, die sich bei Hannah Arendt und Ernst Nolte und - eher indirekt - bei Max Weber und meinem Lehrer Heinrich Popitz fanden. Fast gegen den eigenen Willen wurde ich dann aber in eine längere -und lange schockhaft - erfahrene Auseinandersetzung mit Details des nationalsozialistischen Terrorsystems hineinverwickelt, und als daraus eine Veröffentlichung entstanden war, lag mir nichts mehr an der ursprünglichen Intention und einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema. Von bestimmten Themen kann man sich aber nicht so einfach entfernen. Sie eilen uns nach, holen uns ein und fordern eine erneute Zuwendung zu ihnen. Derartiges kann öfter passieren, und dann wird man jedesmal anderer Seiten und Bezüge gewahr, aus denen sich möglicherweise ein Gesamtbild zusammenfügt, das mit unserer ursprünglichen Deutung kaum noch Ähnlichkeit hat. Was diese Wiederzuwendungen auslöst, ist vielfältig, aber in meinem Fall war das nur zum geringsten Teil die nur aus der Entfernungsperspektive mögliche Wahrnehmung rein intellektueller Dissonanzen, sondern der mächtige Anstoß der Wirklichkeit und die fortdauernde untergründige Wirksamkeit bestimmter Grundemotionen. Der mächtige Anstoß der Wirklichkeit war die Zeitenwende 1989. Die radikale Verwandlung des europäischen und weltpolitischen Gefüges und die vielen neuen Stimmen, die dadurch plötzlich hörbar wurden, lenkten den Blick notwendigerweise auf die 70-jährige Wirklichkeit des kommunistischen Systems, das gerade zusammengebrochen war, und dabei wurde mehr und mehr unabweisbar, daß Nationalsozialismus und Kommunismus nicht nur - wie es die traditionelle Totalitarismustheorie gezeigt hatte - bedeutende formal-strukturelle Ähnlichkeiten miteinander hatten, sondern daß beide Totalitarismen über ihren radikalfeindlichen Antagonismus auch realiter engstens miteinander verzahnt waren. Auch galt es, die ideologischen Voraussetzungen für beide - vor allem Marx und den Marxismus und dessen Transformation durch Lenin und die Schlüsselstellung der französischen Revolution für beide Antagonisten des 20. Jahrhunderts - noch einmal genauer in den Blick zu nehmen. Daraus formte sich dann schrittweise ein Bild des 20. Jahrhunderts als des “Zeitalters des Totalitarismus” und der tragischen Rolle Deutschlands darin. Mindestens genauso wichtig für die Neuaufnahmen des Themas war aber die untergründige Wirksamkeit bestimmter Grundemotionen, die - so erscheint es mir aus der Rückschau - merkwürdig konstant in allen Wandlungen meiner intellektuellen Deutungen blieben. Ich glaube - so sei kurz hinzugefügt -, daß wir in derartigen Erfahrungen - den Erfahrungen der Konstanz bestimmter Grundemotionen - uns selbst in dem Kern unseres Selbst, der Substanz unserer Person begegnen. Unsere Grundemotionen können sich lange in einem Zustand der Latenz befinden, weitgehend verborgen in tieferen Bereichen der Psyche. Aber manchmal kommen sie doch empor, ungerufen, und okkupieren unser Bewußtsein mit einer bedrängenden Eigenmacht. Das können sehr kleine äußere Anlässe bewirken, schon ein Bild oder ein Klang. Reflektiert man derartige Emotionen intensiver, merkt man, daß sie oft um bestimmte existenzielle Grundthemen angeordnet sind, die auf Schlüsselerlebnisse der eigenen Familie verweisen. Das waren bei mir die Schlüsselerlebnisse meiner Eltern, Flucht und Vertreibung und Gefangenschaft und Heimkehr. Die von ihnen bestimmten Emotionen hatten bereits bei meiner frühen Beschäftigung mit dem nationalsozialistischen Terrorsystem wie Gefühls-Kontrapunkte gewirkt, und sie haben nicht nur immer gewisse Grundloyalitäten gestiftet, sondern sich auch zu einer bestimmten Haltung zur deutschen Geschichte im Zeitalter des Totalitarismus ausgeformt, die meine wiederholten Neuzuwendungen zum Thema immer bewußter geprägt hat. Über diese Haltung möchte ich sprechen.

Zweifellos gibt es sehr unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten der deutschen Diktaturen im Gesamtkontext des 20. Jahrhunderts, von denen jede - indem sie Licht auf andere Seiten der Phänomene wirft - ihre relative Berechtigung haben mag. Natürlich sind nicht alle Gesichtspunkte und Perspektiven gleichwertig, es gibt weniger angemessene und angemessenere, aber, so glaube ich, was über den Wert einer Deutung letztlich entscheidet, ist nicht zuvörderst die Wahl des Gesichtspunkte oder die rein intellektuelle Brillanz eines Autors, sondern die Grundhaltung, mit der er den Stoff filtert und gestaltet. Mich wird er nur erreichen, wenn diese durch zweierlei geprägt ist: realistische politische und historische Phantasie und Annahme der deutschen Geschichte.

Unter realistischer historischer Phantasie verstehe ich vor allem die Fähigkeit, sich geschichtliche Extremsituationen von politischer Macht und Gewalt so vorzustellen, als ob man sich selbst handelnd in ihnen bewegen müßte. In ihrer Erweiterung zu einer politischen Grundeinstellung umschließt realistische Phantasie für mich eine mit der Potentialität interner und externer Gewaltbedrohungen immer rechnende Haltung, also ein Gefahrenbewußtsein auch und gerade in Zeiten des konfliktarmen politischen Alltags. Historische Erfahrung lehrt, wie gefährlich das Nachlassen dieses Gefahrenbewußtseins werden kann. Von der Macht des Unvorhergesehenen überwältigt, stolpert die Politik dann ins Falsche. Nun ist offensichtlich, daß in allen westlichen Gesellschaften der Gegenwart beide Dimensionen von realistischer Phantasie - die historische und die politische - nicht gut gedeihen können. Das liegt vor allem an dem liberistisch-hedonistischen Lebensstil, den diese nachbürgerlichen Gesellschaften der massendemokratischen Postmoderne produzieren. In Westeuropa und speziell in Deutschland ist aber die realistische Phantasie weitgehend verdorrt. Das hat in diesem Land zum einen mit einem fehlgeleiteten Bezug zur deutschen Geschichte im Zeitalter des Totalitarismus zu tun, auf den ich gleich eingehe, aber auch mit handfesten politischen und sozialen Fakten. Erinnern wir uns zum Beispiel an die aus der Rückschau wie einwattiert wirkende politische Atmosphäre in Deutschland in der zweiten Phase des Kalten Krieges, der Entspannungsära. Die dramatischen Konfrontationen der Supermächte auf deutschem Boden gehörten der Vergangenheit an, und dies hatte - unterstützt durch einen Lebensstandard, wie es ihn nie zuvor in der deutschen Geschichte gegeben hatte - zu einem fast völligen Verlust des Bedrohungsgefühls geführt. Daß der mächtige Schutzschild einer Supermacht die Grundvoraussetzung für die Ausbreitung dieser neuen subjektiven Wirklichkeit wahr, wurde kaum mehr wahrgenommen. Gegenwärtig ist es das “Projekt Europa”, das das Sicherheitsgefühl der Entspannungsära verlängert und vertieft. Eine neue politische Wirklichkeit entsteht, in deren Innerem die zwischenstaatlichen Gewaltfakten der bisherigen Geschichte überwunden zu sein scheinen. Allerdings ist fraglich, ob diese in ihrem Wesen noch gar nicht exakt definierbare politische Einheit einer substanziellen Bedrohung “von außen” wirklich gewachsen wäre. Zu meinen, derartiges sei gar nicht mehr möglich, ist naiv und gefährlich. Nun ist freilich der Verlust von realistischer politischer Phantasie nur ein Nebenaspekt meiner Ausführungen, freilich kein ganz unwichtiger, denn es leuchtet ja unmittelbar ein, wie stark die Entfaltung realistischer historischer Phantasie von den politischen Mentalitätsströmungen in einer Gesellschaft beeinflußt wird.

Ich möchte zunächst anhand meiner Erfahrungen skizzieren, welche allgemeineren Auswirkungen - vor allem in Bezug auf das eigene Verhältnis zur deutschen Geschichte - die Schulung realistischer Phantasie in der Selbstkonfrontation mit den totalitären Systemen haben kann.

Wer die eigene Person vorstellend der Macht bestimmter Situationen und Verhältnisse in den totalitären Diktaturen aussetzt, stößt in sich immer wieder auf Bereiche und Möglichkeiten, die einem im gesellschaftlichen Alltag der Gegenwart verschlossen bleiben müssen. Man lernt, wie schwierig es - und zwar auch und gerade für die gedrücktesten Opfer - in diesen Diktaturen war, “gut” zu bleiben; und wie gefährdet man selbst gewesen wäre, gefährdet, in Täterschaften - auch in solche monströsen Ausmaßes - verstrickt zu werden. Die Erkenntnis dieser Selbstgefährdung erscheint mir mittlerweile als die wichtigste Erkenntnis, die die Beschäftigung mit diesen Diktaturen erbringen kann. Man frage sich, ob man wirklich in den aus den Fugen geratenen Gesellschaften der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, in denen alles Vertraute aus der Vorkriegszeit zusammengebrochen war, immun geblieben wäre gegenüber der Faszinationskraft von Ideologien, die zurecht “politische Religionen” genannt worden sind ? Daß es keineswegs die Schlechtesten waren, die den Heilsversprechen der kommunistischen “Welterlösungs-“ und der nationalsozialistischen “Weltheilungslehre” verfallen sind, läßt dies ebenso fragwürdig erscheinen wie die Beobachtung der Ideologiesehnsucht vieler Menschen in gesellschaftlichen Normalzeiten. Die Vorstellbarkeit der eigenen ideologischen Parteinahme zieht aber sofort die Frage nach sich, ob - und wenn wieweit - man auch die durch diese Ideologien entbundene Gewalt in Kauf genommen oder gerechtfertigt hätte, die ja anfangs noch eher kleindosiert blieb. Und wie wäre man -hineingeraten ins Getriebe dieser Bewegungen - umgegangen mit den vertrackten psychischen Bindungen, die viele Menschen an sie gekettet haben; mit den emotionalen Ankettungen von Kommunisten an “die Partei” oder mit jener Fesselung an eine charismatische Person im Nationalsozialismus, die sich hinter den Formeln vom “Glauben an den Führer” und ähnlichen verbirgt. In beiden Fällen handelt es sich um Fixierungen autoritativer Art, in denen die Anerkennung durch andere, durch eine Führerperson oder eine Gruppe - für den psychisch Gebundenen zum Faden wird, an dem sein Selbstwertgefühl zur Gänze hängt. Die Vorstellung des Verlustes dieser Anerkennung - durch “den Führer” oder “die Partei”- wird in solchen Bindungen aber wie ein Gang ins Nichts empfunden und gefürchtet, wie ein gänzliches “Aus- der- Welt fallen”. Und eben das macht Menschen zu Taten fähig, die für sie als Einzelpersonen jenseits jeglichen Vorstellungsvermögens sind. Die Kraft dieser Bindungen zeigen eindringlich nicht nur die Angeklagten der Moskauer Schauprozesse während des Hexensabbats der “Großen Säuberung” von 1937/38, die - zum Tode verurteilt für Dinge, die sie nicht getan hatten - mit Hochrufen auf die Partei in den Tod gingen, sondern auch jene sogenannten Renegaten des Kommunismus, die teilweise jahrzehntelang unter Selbstzweifeln litten, obwohl sie um das Ausmaß der kommunistischen Massenverbrechen wußten und von der Partei gnadenlos verfolgt wurden. Oder man versuche sich einmal genauer jenen Zustand der diffusen Angst eines jeden vor einem jeden vorzustellen, der in der schon angesprochenen “Großen Säuberung” in der Sowjetunion herrschte; jenen Zustand der systematisch hergestellten Anomie mit seinem Zusammenbruch aller sozialen Berechenbarkeiten und einer Todesdrohung, die sich gegen jeden richtete. Wäre man in diesem Zustand, in dem die Angst die Menschen nicht nur dazu antrieb, sich zu verbergen und zu verstellen, sondern auch den Terrororganen Spitzel- und Handlangerdienste zu leisten, wirklich “gut” geblieben? Wie wäre man umgegangen mit jener Normalsituation im Kommunismus, die der Wahrheit nur eine Äußerungschance gab, wenn sie sich ins Gewand der Lüge - der Ideologie - kleidete. Und glaubt man wirklich, man hätte in den Gulag- und Konzentrationslagern überleben können, ohne “schuldig” zu werden? Immer wieder stößt man in der Beschäftigung mit den totalitären Diktaturen auf Situationen, die das Gute als Handlungsalternative gar nicht kannten, die also auch die Opfer ins Böse verstrickten, und je intensiver man sich vorstellend gerade derartigen Situationen aussetzt, desto stärker schmilzt der Glaube, man selbst hätte die Totalitarismen moralisch unbeschadet überstehen können. Diese Selbsterfahrungen qua Vorstellungskraft haben weitergehende Auswirkungen. Sie machen nicht nur skeptisch gegenüber den Prämissen optimistischer Menschenbilder und empfänglich für eine pessimistische Anthropologie, sondern sie lassen auch das eigene Verhältnis zur zerklüfteten deutschen Geschichte nicht unberührt. Je mehr man nämlich in der Beschäftigung mit den Totalitarismen der dunklen Seiten der eigenen Person gewahr geworden ist, desto mehr wird es einem auch möglich, die dunklen Seiten der deutschen Geschichte in sich auszuhalten und als Teil eines längeren und breiteren geschichtlich-kulturellen Stroms, durch den man ist, was man ist, anzunehmen. Das bedeutet keine Rechtfertigung, Entschuldigung oder Kleinreden. Es geht nur um das Nicht-Verleugnen des Eigenen, in der ganzen Vielfalt seiner Dimensionen. Gelingt ein derartiges Annehmen aller Seiten der eigenen Geschichte - der positiven wie der negativen - nicht, dann kommt es zur Flucht eines Volkes vor sich selbst, in eine Zukunft des selbstproduzierten Verschwindens als einer kulturell-nationalen Einheit, also zu den Prozessen, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zu beobachten waren.

Damit bin ich an meinem zweiten Punkt angelangt, dem Verhältnis zum Eigenen bei der Betrachtung der deutschen Geschichte im “Zeitalter des Totalitarismus” und den langfristigen kulturellen und politischen Folgen, die unterschiedliche Formungen dieses Verhältnisses zeitigen. Um zu meinen Hauptgedanken zu kommen, muß ich einige Umwege einschlagen. Ich muß zunächst einige Haltungen ansprechen, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland den Zugang zu den beiden deutschen Diktaturen maßgeblich bestimmt haben. Sie sind so beschaffen, daß sie weder die Entfaltung realistischer Phantasie noch die Annahme der deutschen Geschichte ermöglichen. Statt dessen befördern sie unangemessen-selektive Geschichtsbilder, aus denen ein umfassend-negatives Verhältnis zum Eigenen resultiert. Zwei dieser Haltungen seien kurz charakterisiert: ein spezifischer Typus politischer Moral und eine Attitüde, die manchmal “Volkspädagogik” genannt wird.

Ganz schematisch lassen sich zwei Grundtypen politischer Moral unterscheiden. Im einen dominieren universalistische Werte als Maßstäbe moralischer Bewertung: Betonung „universell gültiger Menschenrechte“ und Postulate einer unterschiedslosen Menschenliebe, Ideen von einem „Weltethos“, Anstreben „postnationaler Identitäten“ usw. Der andere Typus dagegen ist eher partikularistisch orientiert: Bejahung nationaler und kultureller Differenzen, des Nationalstaates und staatlichen Sicherheitsstrebens und der eigenen Geschichte und Kultur. Beide Typen haben soziologisch und geistesgeschichtlich unterschiedliche Wurzeln. Im Moral-Universalismus werden familiale Solidaritätsprinzipien fortgeschrieben und auf andere Sphären - die Sphäre der Politik - übertragen. Geistesgeschichtlich wurden universalistische Moralprinzipien durch das Christentum und die Aufklärung ausgeformt und praktisch gefördert durch die Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen im Zuge der Industrialisierung. Hingegen haben partikularistische Moralprinzipien ihren Ursprung an der Grenze traditioneller Gesellschaften, in ursprünglich überall verbreiteten scharfen Unterscheidungen zwischen Eigengruppenmoral und Moral zur Fremdgruppe, die auch heute noch in vielen Kulturen bestehen. In der Neuzeit war der Partikularismus am engsten mit den Sphären politischer Macht und des Staates verkoppelt. Bezeichnenderweise sind beide Moraltypen geistesgeschichtlich mit unterschiedlichen Menschenbildern verknüpft, der Universalismus basiert auf optimistischen Annahmen über die “menschliche Natur”, wie man sie in einem bestimmten Zweig der Staatsphilosophie der Aufklärung finden kann und in der Gegenwart zum Beispiel in Philosophien über „herrschaftsfreie Kommunikation“, während die stärker partikularistische Orientierung meistens mit einer pessimistischen Anthropologie verknüpft war. Gefährlich werden gesinnungsethische Zuspitzungen und Verabsolutierungen jedes dieser Moraltypen. Dann kann im einen Fall ein eiferndes Gutmenschengehabe entstehen, das die eigenen hehren Ideale des Allgemeinmenschlichen weltweit voraussetzt und praktisch auf staatlich-kulturelle Selbstaufgabe hinausläuft; und im anderen Fall der Nationalismus mit seiner zur Feindlichkeit hochgetriebenen Differenz von Fremd- und Eigengruppe. Ein pluralistisches Miteinander und Synthesen zwischen universalistischen und partikularistischen Prinzipien politischer Moral sind dagegen für die politische Kultur eines Landes wünschenswert. In der alten Bundesrepublik aber hat sich in ihrer zweiten Hälfte eine fast unangefochtene Dominanz des politischen Moral-Universalismus entwickelt, in einer oftmals massiv gesinnungsethisch radikalisierten Ausformung. Man kann diese Variante des Moral-Universalismus in Anknüpfung an Arnold Gehlen als “Humanitarismus” bezeichnen. Damit ist eine Haltung gemeint, in der zwei Komponenten unauflöslich miteinander verknüpft sind: eine aggressiv moralisierende Hinwendung zu einem grenzüberwindenden Irgendwie des Allgemein-Menschlichen und - als dessen Kehrseite und Antrieb - die Negativfixierung auf die eigene Nation und Kultur. Diese Haltung ist mächtig geworden im Zuge des Bruchs von 1968, und zwar als eine zeitverschobene Reaktion auf den extremen Partikularismus des Nationalsozialismus, aber auch im Zusammenhang mit den Sympathien, die sich in dieser Zeit für den kommunistischen Ideologie-Universalimus entwickelten; und sie hat sich danach in selbstreferentiellen Selbstverstärkungen in den Massenmedien und den Schulen und Hochschulen immer mehr verfestigt. Die Öffentlichkeitsmacht des Humanitarismus in den letzten Jahrzehnten ließe sich an vielen gesellschaftspolitischen Debatten und Kampagnen illustrieren, aber seine nachhaltigsten Auswirkungen hat er doch auf den Umgang mit dem nationalsozialistischen und kommunistischen Totalitarismus und seinem Ableger in Deutschland - der DDR - gehabt. Die “gespaltenen” Bilder vom Nationalsozialismus und Kommunismus, die hier bis 1989 entstanden sind und teilweise bis in die Gegenwart weitergezeichnet werden, sind ganz wesentlich ein Produkt der intellektuellen Prämissen und emotionalen Fixierungen dieser Haltung. Der Nationalsozialismus, der ideologisch das ins Extrem getriebene Gegenbild des Humanitarismus verkörpert, wurde zum Objekt einer nicht abreißenden moralisierenden Empörung, die freilich, so meine Auffassung, für das Begreifen von Diktaturen höchstens als Anfangsimpuls nützlich ist. Aus der Kultivierung dieser moralisierenden Empörung entstand dann die „volkspädagogische“ Strategie der “Vergangenheitsbewältigung“, die ich in vielerlei Hinsicht für schädlich halte. „Volkspädagogik“, das meint unter anderem: Versuch permanenter Erzeugung von Abscheugefühlen über zwei untergründig miteinander identifizierte Gruppen, die “Täter” und ihr “Volk”, die dann folgerichtig beide zu einer Einheit, dem sogenannten “Tätervolk” zusammengefaßt werden. Zu dieser Einheit - dem Konstrukt seiner ideologischen Prämissen - entwickelt der volkspädagogische Aufklärer dann eine gewissermaßen schizophren gespaltene Beziehung: er gehört ihr an, nicht zuletzt aus biologischen Gründen (Abstammung), aber er gehört ihr auch - und viel stärker - zugleich nicht an, weil er ja über unvergleichlich andere Moralstandards verfügt, über ein moralisches Gutsein, in dem er sich in seinen Abscheuproduktionen permanent selbst bestätigt. Gegenüber dem Kommunismus waren derartige volkspädagogische Strategien freilich seltener, und zwar einfach deshalb, weil eine spezifische Form des Moraluniversalismus ja selber ein zentrales Ingredienz der kommunistischen Ideologie ist. Deswegen dominierte bis 1989 in der Bundesrepublik die These von der Unvergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus und das Bestreben, die kommunistischen Massenverbrechen zu bagatellisieren und zu tabuisieren. Solschenyzin und der „Archipel Gulag“ spielten im publizistischen Diskurs kaum eine Rolle, und es gab in der alten Bundesrepublik außer der Bagatellisierungs- und Tabuisierungsstrategie auch - und gar nicht so wenige - Versuche einer fast schon offenen Legitimation des kommunistischen Terrors. Auch dabei spielte die eigene Nähe zu den universalistischen Zielen der kommunistischen Ideologie die Hauptrolle. Der Verweis auf die hehren moralischen “Endziele” - der faktisch zum klassischen Repertoire der totalitären Apologetik gehört - schien wie durch das Berühren mit einem Zauberstab den Charakter von Mord und Terror zu ändern. Derartige Argumentationsfiguren werden bis in die Gegenwart fortgeschrieben, vor allem in bezug auf Unrecht in der DDR.

Meine Haltung gegenüber den Totalitarismen, so darf ich noch einmal wiederholen, ist der des Humanitarismus und der Volkspädagogik konträr entgegengesetzt. Mir geht es um die Entwicklung realistischer Phantasie in bezug auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten, darum aufzuzeigen, wie gefährdet viele von uns selbst gewesen wären, gefährdet, zum Täter zu werden. Deshalb - aber auch aus anderen Gründen - halte ich das Wort von der “Gnade der späten Geburt”, das man noch ergänzen sollte durch das Wort vom Glück der “Geburt im Westen”, für vollkommen berechtigt. Es kommt nicht darauf an, in der Beschäftigung mit diesen Diktaturen das Gefühl des eigenen Gutseins zu stärken, sondern das Bewußtsein von der eigenen Verführbarkeit zu schärfen. Das erleichtert nicht nur die Annahme der schwierigen deutschen Geschichte im Zeitalter des Totalitarismus, sondern bietet auch einen gewissen Schutzschild gegen das Täter-Werden in einer möglichen, in vielerlei Hinsicht offenen Zukunft. Hingegen ist die aus dem Moralisieren entspringende Selbstgerechtigkeit des „Ich hätte nie dazu gehört“ die beste Disposition für das Gegenteil.
Die volkspädagogische Attitüde zu den dunklen Seiten der deutschen Geschichte hat nicht nur die Ausbildung realistischer Phantasie gehemmt, sondern eine Entfremdung von allen ihren Seiten bewirkt. Dadurch hat sie die Ausbreitung einer Mentalität mitbefördert, die langfristig verhängnisvolle Auswirkungen haben wird. Sie hat zwei Grundmerkmale: den “Momentismus” und ein massiv gestörtes Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Unter “Momentismus” verstehe ich eine wesentlich auf Gegenwartsaugenblicke zusammengezogene kulturelle und politische Selbstverortung, der die Kraft zur vorwärts gerichteten Langsicht fehlt, weil sie keine nach rückwärts, in die eigene Geschichte gerichtete Verankerung besitzt. Der Momentismus ist zwar ein notwendiges Beiprodukt allgemeiner Merkmale des westlichen Gesellschaftstypus der Gegenwart, er hat sich aber in Deutschland besonders stark entfaltet. In der Politik kann er sich fatal auswirken, weil er zu Entscheidungen führt, die das durch ein historisches Langzeitgedächtnis geformte Handlungspotential anderer Kulturen nicht angemessen zu kalkulieren vermögen. Auch das gestörte Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden, das in Deutschland besteht, läßt sich als eine durch nationalgeschichtliche Faktoren bewirkte Extremausformung eines allgemeineren Musters kultureller Deformation begreifen, das sich in allen westlichen Gesellschaften ausgebildet hat. Der Sachverhalt, auf den ich damit anspiele, hat nichts zu tun mit jener Fähigkeit zur kritischen kulturellen Selbstreflexion und Selbstrelativierung angesichts der Begegnung mit dem Fremden, die sich einzig in der Geschichte des europäischen Gesellschaftstypus ausgebildet hat. Die Potenz zur Selbstkritik war die bedeutendste Frucht des europäischen Rationalismus, sein zentrales Charakteristikum, ohne das die universalgeschichtliche Eigenart der europäischen Gesellschaftsentwicklung nicht denkbar gewesen wäre, und noch heute haben die meisten nicht-westlichen Gesellschaften ein rein affirmatives, zur kritischen Reflexion des Eigenen unfähiges Selbstverhältnis. Ich meine nicht die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion, die die Grundbedingung für jegliche Toleranz ist, sondern ich meine ein kulturelles Selbstverhältnis, das die Beziehung zum Eigenen und diejenige zum Fremden im Sinne eines grotesken Negativ-Positiv-Schemas filtert. Ein derartiges Muster, das von einer tiefgehenden kulturellen Deformation zeugt, hat sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verbreitet und verfestigt. Grundsätzlich gilt, daß nur derjenige sich dem Fremden wirklich öffnen kann, der das Eigene kennt, aushält und annimmt. Und es gilt auch, daß nur derjenige, der es angenommen hat, langfristig des Respektes der anderen sicher sein kann. Wer sich aber dem Eigenen gegenüber durch eine grundsätzlich negative Haltung verschlossen hat und es zynisch abwehrt, wenn es an ihn herantritt, der wird - weil ohne originäre Leitbilder - zu einer hektischen Suche nach dem Richtigen, Guten und Wahren in einem idealisierten Fremden angetrieben. Das führt dann im Freizeitverhalten und privaten Weltverhältnis zu den typisch deutschen Formen des Exotismus, die meist harmlos sind und im schlimmsten Falle auf die Nerven gehen. Im politischen Handeln aber resultieren daraus irreparable Fehlentscheidungen mit langfristig verhängnisvollen Folgen, und zwar auf allen Feldern: der Stadtpolitik - im Verhältnis zur historischen Substanz der Städte; oder der Bildungs- und Hochschulpolitik - im Verhältnis zum humanistischen Gymnasium und der Humboldtschen Universität; der Einwanderungspolitik - im Verhältnis zu den Kriterien kultureller Integration; und natürlich der Geschichtspolitik, beispielsweise im Verhältnis zum Schicksal einer Gruppe des eigenen Volkes in der größten Vertreibung der Menschheitsgeschichte, das dann wie ein feindlich-Anderes erscheint, an das noch nicht einmal erinnert werden soll. Ich glaube, daß die geistig-kulturelle Krise, die in Deutschland schon lange spürbar war, ihren Kern in diesem gestörten Verhältnis zwischen dem Eigenen und Fremden hat, und daß die handfesten Niedergangserscheinungen auf den Gebieten der Wirtschaft, Demographie und Bildung, über die gerade so heftig gestritten wird, in nicht geringem Ausmaße auch Symptome und Folgen dieses gestörten Verhältnisses sind. Man braucht aber nicht in völligen Pessimismus zu verfallen, denn es gibt Anzeichen, daß in der Jugend die Einsicht für die Folgen des fehlgeleiteten Bezuges zur Vergangenheit wächst.