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Dankrede PD Dr. Hans-Christof Kraus   Druckansicht

Einige Bemerkungen zum Verhältnis von Geschichtsschreibung und Gegenwart.

Meine folgenden Ausführungen möchte ich unter das Rahmenthema „Einige(r) Bemerkungen zum Verhältnis von Geschichtsschreibung und Gegenwart“ stellen. Dabei gehe ich aus von den Gedanken des wohl tiefdringendsten und konsequentesten Kritikers eines strikten historischen Denkens und einer historistischen Geschichtsschreibung, nämlich von Friedrich Nietzsche und seiner „Zweiten unzeitgemäßen Betrachtung“, die er 1874 unter dem Titel „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ veröffentlichte. Der junge Philologe und Philosoph drückte darin sein tiefes Unbehagen aus über die nach seiner Überzeugung viel zu ausgeprägte und allzu umfassende Wertschätzung alles Historischen im allgemeinen Denken seiner Zeit, und er warnte ausdrücklich vor der Gefahr, dass, wie er sagte, „ein Übermaß der Historie dem Lebendigen schade“. Er sprach sich also, dies bleibt festzuhalten, nicht an sich gegen die Beschäftigung mit Geschichte aus, sondern nur gegen eine Überschätzung alles Historischen, von der er befürchtete, das Leben als solches könnte dadurch bleibenden Schaden nehmen.

Um seine Auffassung näher zu erläutern, unterschied Nietzsche bekanntlich zwischen drei Arten der Historie: nämlich die monumentalische, die antiquarische und die kritische Historie. Die erste dieser drei Formen, die monumentalische Historie, bemüht sich um die Verherrlichung und die Vergegenwärtigung des Großen, des Herausragenden der Vergangenheit, also des im eigentlichen Sinne Klassischen, um daran die Gegenwart zu messen. Diese erste Art der Geschichtsbetrachtung wird von Nietzsche nun sehr negativ beurteilt; sie verfällt seinem Verdikt der Lebensfeindlichkeit, weil sie die Aktivität der Menschen in ihrer jeweiligen Gegenwart lähmt: Indem sie das Vergangene hervorhebt und verherrlicht, wertet sie zugleich das gegenwärtige ab und handelt also nach dem Wahlspruch „lasst die Toten die Lebendigen begraben“.

Als ebenso genuin lebensfeindlich erweist sich nach Nietzsche auch die zweite Art der Geschichtsschreibung, die antiquarische Historie. Mit diesem Wort bezeichnet er den bewahrenden, den verehrenden Umgang mit der Vergangenheit, also ein Verhalten, das alles Vergangene als in gleicher Weise ehrwürdig und bewahrenswert hinnimmt, das alles Alte zu konservieren bestrebt ist – und das dann eben auch dem Kleinen, dem Beschränkten, dem Morschen und Veralteten eine spezifische Würde zugesteht, die ihm nicht zukommt. – Auch diese Art der Geschichtsbetrachtung ist also nach Nietzsche eine Gefahr für das Leben, weil ein so ausgerichteter historischer Sinn das Leben untergräbt, indem er die Mumifizierung des Vergangenen gewissermaßen zum Selbstzweck erhebt und darüber die Forderungen der Gegenwart aus dem Blick verliert: wenn das antiquarische Denken überhand nimmt, dann stirbt der Baum des Lebens – so Nietzsches einprägsam formuliertes Bild – sozusagen „Unnatürlicherweise, von oben allmählich nach der Wurzel ab“.

So bleibt lediglich noch die dritte Art des Umgangs mit Geschichte übrig, nämlich die kritische Historie. Nur sie ist es, die im eigentlichen Sinne dem Leben dienen kann, denn, so sagt Nietzsche ausdrücklich, der Mensch „muss die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können: dies erreicht er dadurch, daß er sie vor Gericht zieht, peinlich inquiriert und endlich verurteilt“; freilich sitzt hier nicht etwa die Gerechtigkeit zu Gericht, auch nicht die Gnade, sondern nur „das Leben allein“, dessen Spruch, wie Nietzsche sagt, „immer ungnädig, immer ungerecht“ ist, „weil er nie aus dem reinen Borne der Erkenntnis“ stammt.

Wenngleich er im weiteren Verlauf seiner Argumentation durchaus auch einzelne problematische Aspekte dieser kritischen Historie in den Blick nimmt, ergibt sich dennoch für Nietzsche als Resultat seiner Überlegungen der eindeutige Vorrang eines radikal kritischen Umgangs mit der Geschichte, denn seine Grundüberzeugung und Hauptthese besteht darin, „daß die Kenntnis der Vergangenheit zu allen Zeiten nur im Dienste der Zukunft und Gegenwart begehrt ist, nicht zur Schwächung der Gegenwart, nicht zur Entwurzelung einer lebenskräftigen Zukunft!“.

Diese Gedanken Nietzsches haben – wenn auch erst nach einer gewissen Zeitverzögerung – in ihrer Zielsetzung einer Radialkritik des historischen Denkens eine ungeheure Wirkung ausgeübt, und diese von ihm vor etwa 130 Jahren formulierten Ideen sind, aus heutiger Sicht gesehen, als ebenso bedeutend wie bedenklich einzuschätzen. Bedeutend deshalb, weil diese Kritik von ihm erstmals in einer Zeit formuliert wurde, als sich der Historismus, also die sämtliche Lebensbereiche durchdringende Historisierung aller Phänomene, auf dem Höhepunkt seiner Wirksamkeit und seines Ansehens befand.

Die hiermit verbundene Gefahr der einerseitigen Überschätzung aller Traditionen und Überlieferungen, ebenfalls der andererseitigen Relativierung und Abwertung aller Lebensäußerungen hat Nietzsche in zweifellos eindringlicher und gültiger Weise auf den Begriff und zum Bewusstsein gebracht.

Doch andererseits – und auch das wird man aus der Perspektive einer vollkommen verschieden gearteten Gegenwart sagen dürfen – ist er mit den an Radikalität kaum zu überbietenden Folgerungen seiner Diagnose weit über das Ziel hinausgeschossen. Zuerst einmal wird man den von ihm gepredigten voraussetzungslosen Kult des „Lebens“ als obsolet ansehen können, wenngleich die von ihm formulierte, von Max Weber und anderen später aufgenommene Frage nach dem genuinen Verhältnis von Wissenschaft und Leben sicher auch künftig ein Grundproblem modernen Denkens bleiben wird. – Und man wird zweitens Nietzsches Warnung vor bestimmten Formen der wissenschaftlich betriebenen Historie als einer schon vom Prinzip her vermeintlich lebensgefährdenden Macht heute ebenfalls als überzogen auffassen dürfen – und dies schon angesichts der Tatsache, daß von einem Übermaß an historischem Denken im Bewusstsein der Gegenwart nicht mehr die Rede sein kann.

Und dennoch erweisen sich Nietzsches Überlegungen aus den frühen 1870er Jahren immer noch als außerordentlich anregend, wenn es darum gehen soll, das Verhältnis von Geschichtsschreibung und Gegenwart näher in den Blick zu nehmen. Denn Nietzsches grundlegende Beobachtung, daß es keine neutrale, damit auch keine absolut objektive, ausschließlich der Sache verpflichtete Historie gab, gibt und geben kann, ist nach wie vor nicht anzuzweifeln. Er hat deutlicher und entschiedener als alle anderen Denker des 19. Jahrhunderts darauf hingewiesen, daß die Beschäftigung mit der Geschichte in aller Regel den besonderen Interessen der jeweiligen Gegenwart zu dienen hat, sei es in der Form einer Behinderung oder gegebenenfalls auch einer Förderung des Lebens – sei es als monumentalische, als antiquarische oder eben auch als kritische Historie.

Schon ein kurzer Blick auf die Geschichte der Historiographie (den Nietzsche im übrigen unterlassen hat) zeigt, daß er recht hat. Und dies gilt vor allem dann, wenn man die Politische Funktion der Geschichtsschreibung – dabei zuerst und vor allem der jüngeren Vergangenheit, also der Zeitgeschichte im eigentlichen Sinne – in den Blick nimmt. So schrieb im 17. Jahrhundert Bogislaw von Chemnitz die Geschichte des soeben beendeten Dreißigjährigen Krieges aus der protestantischen Perspektive seiner schwedischen Dienstherren mit scharf antikaiserlicher und antikatholische Tendenz; so gestaltete im 18. Jahrhundert Johann Wilhelm von Archenholz seine „Geschichte des Siebenjährigen Krieges“ im Sinne der preußischen Partei und des von ihm verehrten Friedrich des Großen, und so verfasste wieder ein Jahrhundert später schließlich Heinrich von Treitschke seine “Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert“ ganz im Sinne des nach 1871 vorherrschenden kleindeutschen und antihabsburgischen Geschichtsverständnisses des Kaiserreichs. Diese Geschichtswerke wären wohl unter Anwendung der von Nietzsche entwickelten Kategorien unter die Gattung der „monumentalischen Historie“ zu fassen.

Blickt man auf das 20. Jahrhundert, dann dürfte man hier wohl (ohne daß ich im einzelnen Beispiele anführen mochte) einen deutlicheren Akzent auf die kritische Historie legen, also auf den Versuch, mit der Vergangenheit, zumeist mit der jüngstvergangen Epoche im eigentlichen Sinne kritisch und nicht selten auch polemisch abzurechnen. Das gilt sicherlich in besonderer Weise für jene totalitären Ideologiestaaten, die es unternahmen, die Geschichte und ihren Deutung in die Dienste der Gegenwart und einer vermeintlich besseren Zukunft zu nehmen und auf diese Weise politisch zu instrumentalisieren. Hier wurde das utopische, das ganz auf das Kommende gerichtete Moment der Befassung mit Geschichte wirksam, das Karl Marx – hier nicht zufällig in bemerkenswerter Nähe zu Friedrich Nietzsche – als die Notwendigkeit angesehen hat, sich von der „Tradition aller toten Geschlechter“ zu befreien, die angeblich „wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden“ laste.

Schon an dieser Stelle wird das Bedenkliche der vollkommenen und ausschließlichen Indienstnahme der Geschichte für die Belange nicht nur der Lebenden, sondern des „Lebens“ überhaupt sichtbar. Denn auf diese Weise werden in letzter Konsequenz der Willkür Tür und Tor geöffnet, und die Berufung auf die Zukunft, auf das Leben, auf die vermeintlichen oder wirklichen Bedürfnisse der Menschen rechtfertigen am Ende einen Umgang mit der Vergangenheit, der die Historie nur noch zum bedenkenlosen und in der Konsequenz auch gewissenlosen Erfüllungsgehilfen ausschließlich politischer Zwecksetzungen herabwürdigt: die Geschichtsschreibung wird zu einer nur allzu willfährigen Dienstmagd der Politik. Genau hierin besteht nämlich nicht nur die Kehrseite der monumentalischen, sondern eben auch der kritischen Historie – jedenfalls im Sinne der Definition Nietzsches. Und es bedurfte wohl erst der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und seiner totalitären Verirrungen, um eben diese ganz unerwartete Dimension von Nietzsches Historismuskritik sichtbar werden zu lassen.

Wie steht es nun um die Gegenwart? Auf den ersten Blick scheint sich, was die Formen und Eigenarten der Historie angeht, seit Nietzsches Zeiten wenig geändert zu haben. Die eifrigen Sammler und fleißigen historischen Kompilatoren, die – wie der Famulus Wagner im „Faust“ – ihr Genügen darin finden, sich ausschließlich in den Dienst der Sache selbst zu stellen, sich der Sammlung und gleichmäßigen Aufbereitung disparatester Stoffmassen hinzugeben und damit die antiquarische Historie in reiner Form zu pflegen, - diesen Typus gibt es heute wie seit eh und je, und ihn wird es wohl auch künftig geben. Ihm ist es gleichgültig, ob er dem Leben dient oder nicht, denn er genügt und findet seinen Zweck in sich selbst und in dem, was er tut.

Im Gegensatz zur antiquarischen Historie eignen sich also nur die monumentalische und die kritische Historie zur Legitimation bestimmter politischer Zeile und damit zur Instrumentalisierung durch die Politik. Die Herausstreichung und Verherrlichung bestimmter Epochen, Ereignisse oder Persönlichkeiten der Vergangenheit ist heute allerdings vielerorts bereits fragwürdig geworden; der Missbrauch, den man mit bestimmten Formen monumentalischer Geschichtsschreibung zu sehr genau erkennbaren politischen Zwecken getrieben hat, war zu weit verbreitet und erschien allzu offenkundig, als dass er heute schon vergessen werden könnte. Allenfalls diejenigen Länder, die sich in ihrer gegenwärtigen Form auf eine siegreiche Revolution gründen wie etwa die Vereinigten Staaten oder die Republik Frankreich, neigen gelegentlich noch heute dazu, sich ihren geschichtlichen Gründungsmythos durch eine wenigstens monumentalisch grundierte Legitimationshistorie immer wieder aufs Neue bestätigen zu lassen.

Tatsächlich scheint also die kritische Historie diejenige Form historischer Analyse und geschichtlicher Betrachtung zu sein, die in der Gegenwart den bedeutendsten Rang einnimmt. Auch heute dient Kritik – dieses Faktum ist kaum zu übersehen – vielleicht nicht immer an erster, aber doch auch keineswegs an letzter Stelle dem Zweck der Legitimation, der historischen Begründung bestehender politischer, sozialer und gesellschaftlicher Zustände. Man darf wohl fragen, ob es ein mittlerweile in sich derart gefestigtes Staatswesen wie die Bundesrepublik Deutschland wirklich noch nötig hat, die eigene Bedeutung wieder und wieder in gewollt und beständig wiederholter kritischer Abgrenzung von den beiden totalitären Systemen, den nationalsozialistischen und kommunistischen Regimen, die es vor und nach 1945 auf deutschem Boden gegen hat, vorzunehmen.

Denn dies hat natürlich Folgen für Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung. Gerade in der Zeitgeschichte macht sich immer wieder eine gewisse Kurzatmigkeit breit, die daraus resultiert, daß die Erforschung bestimmte Bereiche der jüngeren und jüngsten Vergangenheit sich im Auftrag der Politik oder in zunehmendem Maße auch von Teilen der Wirtschaft vollzieht, dementsprechend finanziert wird und in der Regel damit auch, was die zu erwartenden Resultate anbetrifft, ebenfalls gewissen Erwartungshaltungen der jeweiligen Geldgeber zu entsprechen hat. Auch vor diesem Hintergrund lässt sich Historie als „kritisch“ definieren, als Zerbrechen der Vergangenheit durch Historiker der Gegenwart – wenn auch nicht unbedingt auch im Auftrag des „Lebens“ an sich, sondern eher im Dienst konkret festzustellender Auftraggeber und Finanziers.

Man darf daran zweifeln, dass nur diese Historie, die ihre Zwecksetzungen an außerwissenschaftlichen Maßstäben orientiert, wirklich eine im Wortsinn „kritische“ Historie ist. Nietzsche hat durchaus Unrecht, wenn er für sich selbst das Verdienst der Entdeckung einer kritischen Historie im Gegensatz zum Historismus seiner Zeit in Anspruch nimmt. Daß bereits schon vorher keineswegs ausschließlich nur die monumentalische und die antiquarische Historie existierten, ist offenkundig. Schon 1821 warnte Wilhelm von Humboldt in seiner Abhandlung „Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers“ die Historiker davor, „der Wirklichkeit eigenmächtig geschaffene Ideen anzubilden, oder auch nur über dem Suchen des Zusammenhanges des Ganzen etwas von dem lebendigen Reichtum des Einzelnen aufzuopfern“, - und etwas später sprach auch Leopold Ranke seine entschiedenen Bedenken gegenüber einer Historie aus, die stets und ständig nach den jeweiligen Gegenwartsbedürfnissen „umgeschrieben werde“, denn: „Jede Zeit und jede hauptsächliche Richtung macht sie sich zu eigen und trägt ihre Gedanken darauf über. Danach wird Lob und Tadel ausgeteilt. Das schleppt sich dann alles so fort, bis man die Sache selbst gar nicht mehr erkennt“.

Diese Bemerkungen Humboldts und Rankes darf man aus der Perspektive der Gegenwart vielleicht als vorweggenommene Einwände gegen die Indienstnahme der Historie für Geschichtsfremde Zwecksetzungen lesen – sowohl gegen Nietzsches Invektiven wider verfehlte monumentalische Geschichtsverklärung oder selbstgenügsame antiquarische Faktenstapelei, aber eben auch gegen immer wieder auftretende politisch-aktualistische Indienstnahmen historischer Forschungsergebnisse. Natürlich wäre die Hoffnung naiv und töricht zugleich, die historische Wissenschaft könnte etwa die Politik dazu veranlassen, auf das wohlfeile Mittel einer Indienstnahme des historischen Arguments (oder Pseudoarguments) für mehr oder weniger durchsichtige gegenwartspolitische Zwecke zu verzichten. Dafür ist die Verlockung viel zu groß, und zwar auf beiden Seiten – auf der Seite der Wissenschaft ebenso wie auf der Seite der Politik.

Wenn man von Nietzsche lernen kann, das Verhältnis von Wissenschaft und Leben – und damit eben auch von Historie und Leben – als eine der Grundfragen moderner menschlicher Existenz zu erkennen und zu reflektieren, dann kann man von Humboldt und Ranke wiederum lernen, dass historische Erkenntnis sich nicht nur im Zusammenspiel von Geschichte und Gegenwart vollzieht, sondern daß jene sich ebenfalls in Abgrenzung von manchen Zumutungen der Gegenwart konstituieren muß. Der Historiker, wenn er denn etwas von seinem Geschäft versteht, weiß erstens sehr genau, daß die Geschichtswissenschaft, wie jede andere Wissenschaft auch, zuerst und vor allem der Wahrheit verpflichtet ist – und das heißt hier durchaus im Sinne Lessings: der Suche nach der Wahrheit. Und der Historiker weiß zweitens, dass er die Pflicht hat, jedes von ihm untersuchte und rekonstruierte geschichtliche Phänomen von möglichst vielen Seiten zu betrachten, nach Möglichkeit als Ganzes in den Blick zu bekommen – und auch dies ist, wie sich versteht, nur annäherungsweise möglich. Das vielberufene „Vetorecht der Quellen“ hat er jedenfalls in allem, was er tut, zu respektieren.

Liefert man die historische Erkenntnis und deren Resultate ausschließlich einem einzigen Zweck aus, der dazu noch jenseits aller Regeln und Maßstäbe geschichtlicher Erkenntnis angesiedelt ist, dann bringt man nicht nur seinen Gegenstand, sondern auch sich selbst, auch seine eigene moralische und wissenschaftliche Integrität als Forscher in Gefahr. Natürlich ist – wie jeder Historiker weiß – eine vollkommene Objektivität und eine nahezu reine, ungetrübte Erfassung des Gegenstandes unserer Erkenntnis unmöglich. Und zudem ist gerade der Historiker, der sich vornehmlich mit der Geschichte der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit beschäftigt, in aller Regel selbst zu sehr ein homo politicus, um die eigen politischen Überzeugungen und Interessen vollkommen ausschalten zu können.

Was aber von ihm verlangt werden kann und muß, ist: daß er sich eben dieser Tatsache immer bewusst bleibt, daß er also, anders gesagt, seine Ergebnisse, Resultate, Schlussfolgerungen und Thesen stets und ausschließlich unter dem Vorbehalt formuliert, daß auch die eigenen Erkenntnisse – nicht nur die der jeweils anderen – unter bestimmtem Bedingungen stets nur als vorläufig, eventuell als korrekturbedürftig, in jedem Fall aber unvollständig und lückenhaft anzusehen sind. D.h. der Historiker muß sich selbst als Mensch einer bestimmten Gegenwart begreifen, dem es nicht gegeben ist, einen gleichsam über- oder außerhistorischen Standort einzunehmen, und dessen Auffassungen immer in der einen oder anderen Weise, selbst wenn er dies vermeiden möchte, von den konkreten zeithistorischen und politischen Gegebenheiten mitgeprägt werden.

Doch eben diese Tatsache entbindet ihn wiederum nicht von der Pflicht, sich an den Maßstäben unvoreingenommener Wahrheitssuche und wissenschaftlicher Redlichkeit zu orientieren. Diesen scheinbaren Widerspruch gilt es auszuhalten, denn nur dann, wenn der Historiker die Kraft findet, der Verlockung zu widerstehen, um abschließend noch einmal Nietzsche zu zitieren, „die Vergangenheit der zeitgemäßen Trivialität anzupassen“, wenn er es also verschmäht, die Geschichte der Gegenwart dienstbar, damit untertan zu machen und auf diese Weise recht eigentlich zu entwerten, - nur dann wird er mit dem, was er tut, auch in einem höheren Sinne „dem Leben dienen“ können.