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Dankrede PD Dr. Donal O´Sullivan   Druckansicht

Donal O´Sullivan, PreisträgerSehr verehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr verehrte Frau Kronauer, sehr verehrter Herr Kronauer,
verehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr verehrte Damen und Herren,

Es ist mir eine besondere Ehre, in diesem geschichtsträchtigen Ambiente im Rathaus der Stadt Schweinfurt, den Historikerpreis 2008 der Kronauer-Stiftung entgegenzunehmen. Ich freue mich sehr über den Preis und ich danke allen, die an der Entscheidung beteiligt waren. Ich bin vor allem meinen Eltern zu großem Dank verpflichtet. Sie haben mich immer unterstützt und geduldig zugehört, wenn ihr Sohn von den komplizierten Eigenheiten der sowjetischen Politik erzählt hat.

Meine Damen und Herren, als im August diesen Jahres russische Truppen auf georgisches Territorium vorrückten, blieben sie an einem geschichtsträchtigen Ort stehen, der Stadt Gori. In Gori wurde Joseph Stalin geboren. Dort steht auch heute noch ein Denkmal, das von den russischen Artelleristen sorgsam geschont wurde. Viele Soldaten ließen es sich nicht nehmen, für ein Erinnerungsphoto vor der Statue des 'großen Georgiers' zu posieren. Moskau wollte zwei abtrünnige Regionen Georgiens unter seine Kontrolle bringen. Als ich in diesem Semester mit meiner Vorlesung zur Geschichte Russlands begann, warnte ich meine Studenten vorsorglich, auf sie könne mehr Arbeit zukommen, da sich das Territorium unseres Studienobjekts möglicherweise vergrößern werde.

In Westeuropa und ganz besonders in Deutschland stieß der Kaukasus-Konflikt auf Unverständnis und Verwirrung. Zu sehr haben viele das Diktum von Carl Clausewitz, wonach Krieg ein Mittel der Politik sein kann, aus dem Bewusstsein gedrängt. Hilflose Reaktionen waren an der Tagesordnung. Die mahnenden Stimmen der ‚neuen’ EU-Mitglieder Estland, Lettland, Litauen und Polen empfanden manche in Deutschland als ‚störend’.

Dabei hat gerade der Fall Georgien eine Vorgeschichte, die besonders für Sozialdemokraten von Bedeutung ist. Als die Rote Armee 1921 in Georgien einmarschierte, veröffentlichte Karl Kautsky eine Streitschrift, in der er das imperialistische Machtstreben von Lenin und Trotzki anprangerte. Der deutsche SPD-Politiker ergriff Partei für die in Tiflis regierenden Sozialdemokraten. Mit dem Einmarsch in Georgien, so Kautsky damals, seien die Bolschewiki in die Fußstapfen des einstigen Russischen Reiches getreten. Sie hätten das Selbstbestimmungsrecht des georgischen Volkes missachtet.

In den zwanzigeren Jahren waren die deutschen Sozialdemokraten die erbittersten Gegner der sowjetischen Kommunisten. Von russischen sozialdemokratischen Emigranten sehr gut informiert, warf die SPD Lenin und Stalin vor, den Marxismus zu verraten und die Arbeiter zu unterdrücken. Im Gegensatz beschimpfte Moskau die SPD als ‚Sozialfaschisten’ und wies die KPD an, auf keinen Fall ein Bündnis mit der SPD einzugehen, auch dann nicht, als die Nationalsozialisten die Weimarer Demokratie zum Einsturz brachten. Ähnlich wie so mancher deutscher Konservativer, der in Hitler lediglich einen willkommenen ‚Trommler’ sah, der Wählerstimmen sammeln sollte, unterschätzte auch Stalin die Kraft der nationalsozialistischen Bewegung völlig, mit verheerenden Folgen. Hitler werde sich nur kurz an der Macht halten können. Seine Herrschaft werde die ‚Widersprüche des Kapitalismus’ zuspitzen und schließlich die kommunistische Revolution erleichtern.

Einer der besten Russland-Kenner, George Kennan, sagte einmal, Russland besitze an seinen Grenzen nur Feinde oder Vasallen, aber keine Freunde. In der Tat scheint die heutige Führung in Moskau wenig bestrebt, sich um eine echte Versöhnung mit den Nachbarn, die noch die Narben aus kommunistischer Gewaltherrschaft tragen, zu kümmern. In plumper Manier setzt Moskau die Nachbarn mit dem Öl- oder Gashahn unter Druck, und nutzt nichtige Anlässe, um Streitigkeiten vom Zaune zu brechen. In Estland genügte ein Plan, ein Kriegerdenkmal an eine andere Stelle zu rücken, um den Zorn Moskaus auszulösen. Als ans Tageslicht kam, dass viele Kriegerdenkmäler in Russland aus Nachlässigkeit der Behörden verrotten, wurden diese Berichte von der Zensur unterdrückt. Wie kontraproduktiv Russland handelt, wurde ebenfalls im estnischen Fall deutlich. Gegen die estnische Regierung entfachte Russland einen ‚Internetkrieg’ und versuchte, die Internetseiten Estlands zu blockieren. Weltweit konnten damit die Sicherheitsdienste verfolgen, gegen welche Methoden sie sich in Zukunft besonders schützen müssen.

Im Kaukasus hat Russland zwei winzige Territorien ‚erobert’ und dafür viel Porzellan zerschlagen. Einzig Nicaragua hat die Marionetten-Republiken anerkannt. Insbesondere die chinesische Führung betrachtet das russische Vorgehen nun mit Skepsis. Die Bilder vom russisch-georgischen Konflikt haben das Interesse der Weltöffentlichkeit wieder auf die Außenpolitik Russlands gerichtet, und es gibt nicht wenige Beobachter, die darin eine wichtige Zäsur des 21. Jahrhunderts sehen. Der russische Präsident Medvedev erklärte, sein Land fürchte sich nicht vor einer Rückkehr des Kalten Krieges, eine Ankündigung, die er übrigens nach dem Ausbruch der Finanzkrise an der russischen Börse modifizierte. Wo liegen die historischen Wurzeln dieser Politik? Wie können wir das russische Vorgehen erklären?

Schon in den 1930er Jahren formulierte die sowjetische Regierung das strategische Ziel einer vorgelagerten Pufferzone, die das sowjetische Experiment von dem schädlichen Einfluss der Außenwelt abschirmen sollte. In Gesprächen mit London nannte der sowjetische Botschafter Maiskii das die ‚sowjetische Monroe-Doktrin’. Stalin war sich bewusst, das die ‚Utopie der Macht’ nur so lange existieren konnte, wie die Bevölkerung von allen Informationen über den Lebensstandard und die Freiheiten im Westen abgeschottet sein würde. Der ‚Eiserne Vorhang’ war für das Überleben der Sowjetdiktatur lebensnotwendig.

Die sowjetischen Pläne, mit einem gigantischen Aufrüstungsprogramm abgefedert erhielten durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten enormen Auftrieb. Nicht nur strömten Scharen von Intellektuellen nun in die geistige Umarmung des Kommunismus und rechtfertigten den linken Terror als Reaktion auf die rechte Diktatur. Stalin bewunderte Hitlers Abrechnung mit innerparteilichen Gegnern und teilte seine Verachtung für die westlichen Demokraten. Er hielt sich selber für einen genialen Strategen, der den vermeintlichen Intrigen der kapitalistischen Westmächte einen Strich durch die Rechnung machen werde. Wie Bogdan Musial in seinem glänzenden Buch ‚Kampfplatz Deutschland’ eindrucksvoll dargestellt hat, verlor die sowjetische Führung die revolutionär-ideologische Zielrichtung nie aus den Augen.

Im Schatten Hitlers gelang es der UdSSR im Jahr 1939, einen hohen Preis für die eigene wohlwollende Neutralität auszuhandeln – die Teilung Ostmittel- und Osteuropas ( wie es in Polen hieß – die vierte Teilung Polens) im so genannten Hitler-Stalin-Pakt. Dieses Kalkül ist der Kern jener Sorge, mit der heutzutage Letten, Esten, Litauer, Ukrainer, Georgier und andere Nachbarn Russlands auf das geschehen blicken. Hitlers Siegeszug im Westen wäre ohne die politische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung Moskaus unmöglich gewesen. Immer dann, wenn sowjetische Vertreter später auf die Bildung einer Zweiten Front beharrten, erinnerten sich britische Offiziere an die Bombardierung Londons durch die auf sowjetisches Flugbenzin angewiesene deutsche Luftwaffe.

Stalin vertraute Hitler so sehr, dass er die Erkenntnisse der sowjetischen Geheimdienste über den deutschen Aufmarsch an der Grenze als ‚Desinformation’ abtat. Nach dieser katastrophalen Fehleinschätzung konzentrierte sich das sowjetische Interesse darauf, die Hilfe der eben erst noch als Kriegstreiber und Kapitalisten verteufelten anglo-amerikanischen Alliierten einzufordern. Dabei erwies sich Stalin als Meister der Verstellung und Täuschung. So verwehrte er den Alliierten während des gesamten Krieges den Zugang zur Front, um keinen Zweifel am sowjetischen Durchhaltevermögen aufkommen zu lassen. Darüber hinaus kultivierte er geschickt den Eindruck, die UdSSR trage die volle Last des Krieges alleine.

Unter dem Eindruck der Kämpfe an der Ostfront starteten Großbritannien und die Vereinigten Staaten massive Propagandakampagnen, um die eigene Bevölkerung von den friedliebenden Absichten der UdSSR zu überzeugen. Dabei scheuten sie auch nicht zurück, die sowjetische Propaganda zu übernehmen und Kritiker kaltzustellen. So verzichtete etwa Präsident Roosevelt darauf, einen Experten wie George Kennan zu Rate zu ziehen und hörte stattdessen lieber auf Harry Hopkins und Joseph Davies, die von der UdSSR sehr wenig verstanden. Roosevelt selbst vertraute Stalin so sehr, dass er gar nichts dagegen hatte, bei den Konferenzen von Teheran und Yalta unter ständiger Überwachung durch sowjetische Mikrophone zu verhandeln. Die britische Regierung wies die Presse an, kritische Bemerkungen zur sowjetischen Polen- oder Jugoslawienpolitik zu unterlassen.

Erst als Stalin den Warschauer Aufstand der polnischen Heimatarmee im August 1944 tatenlos zusah, bekamen die Kritiker von ‚Uncle Joe’ im Westen etwas Aufwind. Doch die Nachgiebigkeit der Westmächte ermunterte Stalin. Die Aussicht auf ein geschwächtes Großbritannien und den verwarteten Rückzug der US-Streitkräfte nach Kriegsende verleitete Die UdSSR zu Optimismus. Stalin hoffte auf eine dauerhafte sowjetische Hegemonie in Europa. Noch zu Beginn des Jahres 1945 wagte der sonst so vorsichtige Stalin eine Selbsteinschätzung im kleinen Kreis: ‚Lenin hat früher nicht gedacht, dass man ein Bündnis mit einem Flügel der Bourgeoisie eingehen könne und gegen den anderen kämpfen könne. Uns ist das gelungen, uns beherrscht nicht das Gefühl, sondern der Verstand, die Analyse, die Berechnung.’

Doch als die Niederlage Hitlers besiegelt war, musste sich das Augenmerk der westlichen Alliierten naturgemäß auf die einzige Macht in Europa wenden, die als potentieller Gegner in Betracht kam. Westliche Zeitungen, von der Kriegszensur befreit, berichteten vom tragischen Schicksal der Flüchtlinge aus dem sowjetischen Machtbereich. Menschen, die der pro-sowjetischen Propagandakampagne der westlichen Regierungen Glauben geschenkt hatten, fühlten sich betrogen und trugen zum allgemeinen Misstrauen gegenüber der UdSSR bei. Nun kam Stalins größter Fehler zum Tragen: Ideologisch verblendet, konnte er sich nicht vorstellen, dass die westlichen Demokratien zur entschlossenen Gegenwehr fähig sein würden. Er unterschätze den Willen des Westens, die eigene Freiheit zu verteidigen und erwartete, man werde sich seinen erpresserischen Methoden, etwa in der Berliner Blockade, beugen.

Sein brutales Vorgehen in Osteuropa und in der Berlin-Krise provozierte den Westen und führte schließlich zur Gründung der NATO. Was Stalin unbedingt vermeiden wollte, trat durch sein ungeschicktes Vorgehen ein: die Bildung eines mächtigen antisowjetischen Blocks. Anstelle eines schwachen und zersplitterten Europas, von dem die Planer in Moskau noch 1945 schwärmten, stieg der Westen Europas aus der Asche hervor. Die NATO erwies sich als das wichtigste Instrument zur Eindämmung der sowjetischen Expansion. Wirtschaftlich sorgten Mashallplan und europäische Integration für einen ungeahnten Aufschwung. Die europäische Einigung verdankt sich zu einem nicht geringen Teil der Furcht vor Moskau. Eigentlich müsste die EU Stalin ein Denkmal in Brüssel bauen.

Im eigenen Machtbereich in Osteuropa aber erwies sich die sowjetische Führung auch unter Stalins Nachfolgern als unfähig, ein partnerschaftliches Verhältnis aufzubauen. Die osteuropäischen Völker, selbst jene, die die Rote Armee als Befreier von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft begrüßt hatten, begriffen schnell, dass der viel besungene sozialistische ‚Bruderschaft’ keine echte Freundschaft sein konnte. Die sowjetischen Staatslenker begriffen bis zum Schluss nicht, wie fragil ein allein von brutaler Gewalt zusammengehaltenes Bündnis in Wahrheit ist. Die Schwierigkeit, diese simple Wahrheit anzuerkennen, scheint sich fortzusetzen. Es ist daher von Interesse, dass die stalinistische Periode und das sowjetische Herrschaft in Osteuropa in den neuesten russischen Schulbüchern mehr Anerkennung als Kritik erfährt.

Doch anders als damals unter Stalin heute steht Russland nicht mehr isoliert da. Eine Rückwendung zur wirtschaftlichen Autarkie wäre für ein Land, welches vom Rohstoffexport abhängig ist, fatal. In einer komplexen Weltwirtschaft ist es nicht anders als im Supermarkt: Nicht nur der Produzent hat Macht, sondern auch der Verbraucher. Diese gegenseitige Abhängigkeit haben die Pioniere des marktwirtschaftlichen Denkens wie Adam Smith, Walter Eucken oder Ludwig Erhard immer wieder als friedensschaffende Kraft betont. In einer globalisierten Welt hat es keinen Sinn, eine Politik zu verfolgen, die in die selbst gewählte Isolation treibt. Es ist nicht im Interesse Russlands, in die Reflexe einer altmodischen Außenpolitik zu verfallen. Es gibt keinen Grund, warum Russland sich nicht bemühen sollte, aus dem Schatten der Vergangenheit zu treten. Deutschland hat nach dem Krieg die Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit gezogen und eine Politik der guten Nachbarschaft verfolgt, insbesondere zu Ländern, die unter der Nazi-Herrschaft furchtbar zu leiden hatten. Heute ist Deutschland von Freunden umgeben. Wer hätte vor sechzig Jahren gedacht, dass deutsche Truppen in vielen Krisenregionen der Welt als Friedensstifter begehrt sind? Insofern bietet die Geschichte viele Anschauungsbeispiele für tief greifenden Wandel. Das Stalin-Denkmal in Gori wäre dann nicht mehr Pilgerziel für russische Soldaten, sondern eine historische Kuriosität.