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ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

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Tischrede Wolfgang Schineis, Notar   Druckansicht

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich darf Sie im Namen des Kuratoriums der ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG bei diesem Festmahl begrüßen und Ihnen für Ihr Kommen sehr herzlich danken. Die ERICH UND ERNA-KRONAUER-STIFTUNG hat heute mit der Preisverleihung an Herrn Dr. O´Sullivan für sein Buch „Stalins Cordon sanitaire“ und die eindrucksvolle Rede des Laudators, Professor Baring, in einem würdigen Festakt einen weiteren Glanzpunkt in ihrer Geschichte gesetzt.

Gestatten Sie mir, meine Damen und Herrn, obwohl Jurist, einige Bemerkungen zur Geschichtsbetrachtung.

Vom chinesischen Historiker Sima Quian (141-87 v.Chr.) stammt der Ausspruch „Immer meiner Strafe gegenwärtig unter der Radnabe des kaiserlichen Wagens dienend“. Er zeigt damit das Problem des Historikers und der Geschichtsschreibung auf: In einem totalitärem Regime ist der Geschichtsschreiber, der gehört werden und anerkannt sein will, in seiner Betrachtungsweise den Vorgaben der Mächtigen, deren Zielen und Ideologien unterworfen. Darauf weisen Sie, verehrter Herr O´Sullivan, in Ihrem heute ausgezeichneten Buch auch ausdrücklich hin, wenn Sie schreiben „Die sowjetische Forschung stand unter dem Zwang, sich den jeweils gültigen offiziellen Vorgaben beugen zu müssen. Sie konnte daher „heikle“ Themen nicht objektiv bearbeiten“. Eine Zielrichtung, die nicht hinterfragt und nicht kritisch beleuchtet werden darf, benötigt eine historische Sinnstiftung und diese unterliegt der Stufenleiter der Macht.

Weiterhin weisen Sie, verehrter Herr O´Sullivan, darauf hin, wie wenig wir in Deutschland über die sowjetische Politik wissen. Sie schreiben: „In der Öffentlichkeit überschatten die Untaten des Dritten Reiches die Entwicklung im Osten Europas. Viele Darstellungen erwähnen die sowjetische Politik allenfalls am Rande. Auch die wissenschaftliche Forschung weist Defizite auf.“ Und diese Tatsache schlägt nachhaltig auf die deutsche Geschichtsschreibung zurück: Bei der Beurteilung der deutschen Politik dieses Zeitraums bilden daher im allgemeinen nur deren Gesichtspunkte und deren handeln Grundlage der Interpretation. Von der herrschenden Meinung oder der „historical correctness“ werden die Fragen nach Ursachen und Wirkung sowjetischen Handelns auf die deutsche Politik oder Vergleiche beiderseitigen Handelns und deren Beziehung zueinander gerne etwas vernachlässigt, häufig mit der Begründung, dass solches eigentlich nur der Relativierung der NS-Verbrechen diene.

Erfreulich ist jedoch, dass zwischenzeitlich auch deutsche Historiker intensiv die sowjetische Politik und deren Wirkungen auf die deutsche, die europäische und die Weltpolitik erforschen. Dabei kommt der Auswertung vorher unzugänglicher Akten in russischen Archiven und in Archiven früherer Ostblockstaaten erhebliche Bedeutung zu. Noch werden solche Untersuchungen in Deutschland von einem teil der Historikerzunft und von den Meinungsmachern nicht unbedingt gern gesehen und häufig mit den bereits angesprochenen Argument der Relativierung des NS-Unrechts belegt. Ich bin jedoch überzeugt, dass die korrekte wissenschaftliche Arbeit, die mit allen zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden die Sachverhalte erarbeitet und damit die Grundlagen und Gesichtspunkte für eine vielfältige Interpretation schafft, sich durchsetzen wird, auch wenn dies noch einige Zeit benötigt und zu einer Anzahl von Streitpunkten führen wird. Als Jurist ist mir klar, dass sowohl die Feststellung eines Sachverhalts als auch vor allem dessen Beurteilung dem subjektiven Urteil des Akteurs entspringen. Eine häufige Übereinstimmung mit gleichen Mitteln, unter gleichen Voraussetzungen und ohne zwanghafte Vorgaben Forschender scheint mir für eine Annäherung an die Objektivität zu sprechen.

Für die ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG, die die Erforschung der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts fördert, ist die Einbeziehung der sowjetischen Politik in Ursache und Wirkung in den europäischen Gesamtrahmen und in die Wechselwirkungen des Mächtespiels ein Anliegen. Um hier mehr objektive Betrachtung zu erreichen, braucht es junge Forscher, die mutig und selbstbewusst vorangehen.

Aus all diesen Gründen freuen wir uns über unseren heutigen Preisträger.

Lassen Sie uns in diesem Sinn die Gläser erheben und auf den heutigen Preisträger, Herrn Dr. O´Sullivan, den Laudator, Herrn Professor Baring, die bisherigen Preisträger, den Nestor unserer Stiftung, Herrn Professor Nolte und die Stifter Erna und Erich Kronauer anstoßen.