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Laudatio Dr. Lorenz Jäger Feuilleton, FAZ   Druckansicht

Dr. Lorenz JägerSehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr verehrtes Ehepaar Kronauer,
lieber, sehr verehrter Herr Friedrich,
meine Damen und Herren.

Eines der Bücher, auf die ich gern zurückkomme, aus dem ich unendlich viel gelernt habe, ist der dtv-Atlas zur Weltgeschichte in der Ausgabe von 1966. Er informiert knapp und genau, und was mir besonders daran gefällt, ist die Vielzahl von Karten und Tabellen, die alles anschaulich machen. Da finde ich nun auch eine Graphik zum Bombenkrieg. Auf Deutschland fielen 1940 10 000 Tonnen, im Jahr darauf waren es 30 000, dann vierzig- und dann 120 000 Tonnen. Die Steigerung scheint enorm, mehr als verzehntfacht hat sich die Menge. 1944 aber wird zu einer neuen Zäsur, nun fallen 650 000 Tonnen auf Deutschland. 1945 tritt dahinter zurück mit 500 000 Tonnen, aber es ging ja auch nur bis Mai. 1944 also ist der Moment, wo der Bombenkrieg in ein neues Stadium eintritt, für das die Zahl einstweilen stellvertretend stehen mag. Jörg Friedrich hat uns die Geschichte, die sich hinter den Zahlen verbirgt, zum Sprechen gebracht.

Wenn ich Ihnen heute die These nahelegen will, dass jeder künstlerisch oder schriftstellerisch tätige Mensch gar nicht anders kann, als in den Umständen seiner Geburt das Rätsel zu sehen, dessen Lösung ihm und nur ihm aufgegeben ist, dann weiß ich, dass ich dies nicht auf dogmatische Art behaupten kann. Aber ich will Ihnen dennoch eine Art Deutung der Geburtskonstellation geben, nicht aus fernen Himmelskörpern wie bei Goethe - "wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, die Sonne stand zum Gruße der Planeten" - nein, hier sind andere Mächte am Himmel zu berücksichtigen, wir erfahren, wie die Sonne stand zum Gruße der Flying Fortress, Boeing 17, Mosquito und Mustang, Lancaster, Focke-Wulff und Messerschmidt, V1 und V2. Friedrich selbst spricht einmal vom "Planetarium des Luftkriegs". 1944 also, im Jahr der großen Zäsur, wurde Jörg Friedrich geboren, am 17. August. Und was das heißt, hat er in seinem Buch "Der Brand" selbst beschrieben: "Beherrschen die eigenen Flugzeuge unangefochten die Luft, braucht man am Boden nicht länger nach der Schlüsselindustrie zu forschen. Man kann alles bombardieren zum Steinerweichen. Der Gegner, dessen Abwehr bricht, wird Züchtigungsobjekt. Ein Ziel bringt man zur Strecke, ein Objekt ist ein Zustand. Den Zustand des Ausgeliefertseins erreichen die Deutschen vom Herbst 1944 an. Von da an fällt die dichteste Bombenmunition." Und die Zäsur, die wir nicht exakt, aber doch so ungefähr auf den August 1944 datieren können, betrifft nicht nur die Tonnage, sondern auch die Tödlichkeit der Waffe. Hören wir noch einmal Friedrich: "Vom Beginn der Ruhrschlacht bis Jahresende 1943 tötete sie im Monatsdurchschnitt 8 100 Zivilisten, vom Juli 1944 an 13 500." Dies aber führt auf einen Sachverhalt des ersten Halbjahres 1944 zurück. Eine Arbeitsteilung von Briten und Amerikanern hatte sich eingespielt, nach der, wie es in "Der Brand" heißt, "die Briten nicht aufhörten, Städte abzubrennen, während die Amerikaner sich zum Ziel nahmen, was dem am meisten entgegenstand, die deutsche Jägerflotte." Wenn ich es richtig sehe, dann behauptet Jörg Friedrich nichts anderes als eine gegenüber den ersten Kriegsjahren neue, nicht nur quantitativ, sondern qualitativ neue Dimension der Vernichtung von oben, einsetzend im Spätsommer 1944, die in der kompletten Wehrlosmachung des Gegners nicht ihr natürliches Ende fand, sondern dies als Voraussetzung für weitere, gesteigerte Schläge nutzte. Und nun ahnen wir, warum es gerade Jörg Friedrich aufgegeben war, dieses Buch über den Bombenkrieg zu schreiben: alles, was auf die Zäsur vom Sommer 44 hinführte und alles, was ihr folgte, war ins Auge zu fassen. Das bedeutet: strategisch, von der Vernichtungsabsicht her, technisch, von der wissenschaftlichen Vorbereitung und Begleitung her, und gesellschaftlich, am Paradigma der Bunker, der Keller, der Evakuierungen, der Volksstimmung und schließlich von der individuellen Traumatisierung her. Es muss im Leser eine Idee der deutschen Städte sich bilden, der frühere und der spätere Zustand sollen ihm gegenwärtig sein. "Alle Städte", sagt Friedrich und schildert es in geschichtlichen Rückblicken vom Mittelalter an, "waren zumindest einmal zerstört worden, aber nicht alle mit einem Mal. Als das 1940 bis 1945 passierte, ist eine Brücke eingebrochen zu einer Landschaft, die es nicht mehr gibt." Städte, von denen er in einer wunderbar dichterischen Formulierung einmal sagt, schon ihr Name sei Orgelklang gewesen: Aachen, Münster, Nürnberg - nun in Scheiterhaufen verwandelt. Es bedeutet dann aber auch zwingend die Auseinandersetzung mit deutschen Kriegs- und Vernichtungsverbrechen. Jörg Friedrich hat sich auch dieser Aufgabe gestellt, er hat die NS-Justiz untersucht, die Funktion und die Haltung der Wehrmacht im Osten hat er nicht beschönigt. Ja noch in den Opfergang der Städte ist die Untat hineingewebt. Den letzten im Reich verbliebenen Juden werden Bunkerplätze versagt. Denunziationen nehmen zu. Gerichte verhängen dann Todesurteile wegen Bagatelldelikten. Um Lazarettplätze für die Bombenopfer zu beschaffen, wurde mancherorts weiter euthanasiert.

Dass man Friedrich nicht mit den gängigen Formeln abstempeln konnte, mag zu dem erbitterten Widerstand beigetragen haben, dem er sich nach der Publikation von "Der Brand" und noch mehr des Folgebandes "Brandstätten" gegenübersah. Er ist ja nicht der Geschichtsrevisionist nach dem einfachen Strickmuster, der deutsche Untaten herunterreden würde, um seiner Sache eine schwankende Rechtfertigung zu verleihen. Nein, es mag sich gerade umgekehrt verhalten haben: Erst das Studium dessen, was der Nationalsozialismus verbrach, gab ihm Kriterien an die Hand, um nun auch den Bombenkrieg in die Reihe der großen Vernichtungsprojekte der Geschichte stellen zu können. Um Vernichtungspolitik handelte es sich, da hilft kein nachträgliches Umdeuten. Eine britische Direktive vom Februar 1942 sagt es ja offen: "Es ist entschieden, dass das Hauptziel ihrer Operation jetzt auf die Moral der gegnerischen Zivilbevölkerung gerichtet sein sollte, insbesondere die der Industriearbeiterschaft. Es ist klar, dass die Zielpunkte die Siedlungsgebiete sein sollen und beispielsweise nicht Werften oder Luftfahrtindustrien. Dies muss ganz klar gemacht werden." Auf andere Weise äußerte sich die Vernichtungsabsicht in den Tieffliegerangriffen auf wahllose zivile Ziele im Frühjahr 1945.

Oder, noch einmal anders gesagt: Friedrich war zunächst seinem Bekenntnis, seiner intellektuellen Entwicklung nach ein Linker, ein Antifaschist. Nun ändert man zwar Ansichten vielleicht mehrmals im Leben, aber man ändert kaum die Motive, die einen zum Forschen treiben.

Lassen Sie mich nun von der anderen Seite dieser Bücher sprechen, die wohl zum ersten Mal über die sei es heimatgeschichtlichen, sei es militärhistorisch spezialisierten Veröffentlichungen hinaus dem Publikum ein erschütterndes Gesamtbild vom Bombenkrieg gaben. Warum so, warum derart eindringlich, warum so viele Reaktionen hervorrufend wie kein früheres Buch? Es erschienen ja bald auch Diskussionsbände, in denen die Stellungnahmen zum "Brand" dokumentiert wurden. Hans Ulrich Wehler sprach sogar von einer "Gefahr", die von dem Buch ausgehe, und in taktloser Weise von einer "Bedienung des Opferkultes". Da wird man doch die Gegenfrage stellen dürfen, warum aus dem Schülerkreis von Wehler, einem der einflussreichsten deutschen Historiker der vergangenen Jahrzehnte, nicht mindestens ein Dutzend Habilitationsschriften zu diesem Thema hervorgegangen sind. Und warum überhaupt "Der Brand" nicht von einem Lehrstuhlinhaber geschrieben wurde.

Wir nähern uns dem kritischen Punkt. Er liegt in dem Wort "Opferdiskurs" verborgen. Denn mit diesem Begriff begann man bald nach dem erscheinen von Friedrichs Buch zu operieren. Ganz habe ich ihn nie verstanden, schien mir doch "Der Brand" gerade ein Werk zu sein, an dem von Diskursen nicht mehr viel die Rede sein konnte. Aber das war es ja. Denn in den Jahrzehnten zuvor hatte etwas dominiert, was ich den Sühnediskurs nennen möchte. Das Leid der Deutschen wurde verstanden oder weginterpretiert als gleichformatige Antwort auf vorhergegangene Verbrechen. Als das Frankfurter Institut für Sozialforschung unter der Federführung von Theodor W. Adorno zu Beginn der fünfziger Jahre, finanziert vom amerikanischen Hochkommissar in Deutschland, eine empirische Studie zur Verankerung demokratischer Gedanken in der Bevölkerung unternahm, da glaubte man, eine direkte Beziehung von Demokratie einerseits und Schuldanerkenntnis andererseits behaupten zu können. Da schnitten nun all jene schlecht ab, die auf alliiertes Unrecht glaubten verweisen zu können und etwa Dresden anführten. Gerade die Vagheit des Begriffs der Schuld erlaubte es, damit jede alliierte Maßnahme im Zweifelsfall aus der Tiefe der Verschuldung rechtfertigen zu können. Ideal im Sinne der beteiligten Sozialforscher war deshalb wohl die Aussage einer Frau, die erklärte: "Ich nemm auch mei eigene Ausgebombtheit jederzeit als Sühne auf mich für die große Schuld, die an Unschuldige getan worde is." Die einzelne Frau kann das auf sich nehmen, es ist vielleicht eine moralische Leistung, dass sie es tat, aber eben nur sie und nicht mehr die siebzigtausend Kinder, die unter den Bomben fielen. Man gerät an den Punkt, wo der scheinbar moralische Sühnediskurs sich dem Frevel nähert - und da ist es, was Friedrichs Buch klarstellte. Indem aber dieser Sühnediskurs mit dem Selbstverständnis, um nicht zu sagen mit der Staatsräson der Bundesrepublik zu tun hat - auf welche Weise, kann hier nicht untersucht werden -, ist "Der Brand" vielleicht wirklich ein gefährliches Buch.

Ich meine, und ich bin nicht der einzige, dass die enorme Wirkung auch mit der Sprache zu tun hat. Es gibt in dieser Sache wohl zwei Sprachen, zwei Extreme, auch im Exil der deutschen Literatur. Thomas Mann meldet sich über den Rundfunk zum Brand von Lübeck, Friedrich zitiert ihn: "Es hat Brände gegeben in der Stadt, und lieb ist es mir nicht zu denken, dass die Marienkirche, das herrliche Renaissance-Rathaus oder das Haus der Schiffergesellschaft sollten Schaden genommen haben. Aber ich denke an Coventry und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss." Thomas Mann verfügt über die Sprache, auch jetzt. Dass er von Bränden im Plural spricht, gehört schon zu dem, was man psychoanalytisch "Abwehr" nennen möchte, denn das Wort legt Vereinzeltes nahe, wo es sich doch um ein Gesamtgeschehen handelte, einen Feuersturm. Aber nicht weit von ihm in Kalifornien wohnt ein Mann, der für einen Moment keine Sprache mehr findet, es sei denn die der Dokumentation. Es ist Bertholt Brecht.

Im September 1943 klebt Brecht ein Luftbild des zerstörten Hamburg ohne jeden Kommentar in sein "Arbeitsjournal". Auf der folgenden Seite findet sich, datiert auf den 7. September 1943, ein weiterer undokumentierter Zeitungsausschnitt, der eine Meldung der Nachrichtenagentur AP wiedergab: "Finanzminister Henry Morgenthau sagte heute auf der hiesigen Versammlung zur Propagierung des Kaufs von Kriegsanleihen anlässlich des Tages der Arbeit: 'Wir wollen die Stadt Berlin von der Landkarte wegbombardieren', und schätzte, dass das wahrscheinlich sechsmal soviel kosten würde wie seinerzeit die Vernichtung Hamburgs. Er nannte als Gesamtkosten für Vorbereitung, Ausrüstung und Bombardierung Hamburgs 346 Millionen Dollar. 'Sagen wir, es kostet sechsmal soviel, um Berlin zu bombardieren', erklärte der Finanzminister. 'Das wird auf etwa 18 Dollar 75 pro Person hinauslaufen, für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind - der Preis für eine 25-Dollar-Anleihe.'" ("Say it costs six times as much to bomb Berlin. That will be pretty close to 18 Dollar 75 for every man, woman and child in the country - the price of a 25 Dollar bond.") Unerwartet kommt in der Kostenrechnung für den Luftkrieg der avantgardistische Literaturbegriff wieder zu Ehren. Man mag sogar Spurenelemente eines marxistischen, nämlich ökonomisch-materialistischen Gedankens hier finden - Thomas Mann sprach von einem moralisch hoch anspruchsvollen Bezahlen-Müssen der deutschen Städte, Brecht nimmt das Bezahlen in eben der äußersten Banalität, wie sie von Morgenthau geäußert wurde. Und der Zynismus der Nicht-Kommentierung scheint mir nur die Maske der Erschütterung zu sein. Brecht hat die Auslegung gleichsam verschluckt. Oder der Kommentar liegt schon in der Auswahl gerade dieser und keiner anderen Äußerung beschlossen. Übrigens besteht eine der eindringlichsten Analysen von Friedrichs Buch in dem Nachweis, warum die Hamburgisierung Berlins nicht gelingen konnte.

Wir haben aus der Antike mehrere Sagen von einem Anblick, der den Sehenden versteinert. Lots Frau, die auf die zerstörten Städte Sodom und Gomorrha zurückblickt - und der Angriff auf Hamburg hieß ja "Operation Gomorrha" - Lots Frau also, die die Städtevernichtung sieht und das Aufsteigen von Qualm wie aus einem Schmelzofen, wird zur Salzsäule. Versteinert wird, wer der Medusa oder dem Basilisken ins Auge schaut. "Das Herz fing an zu versteinern", sagt ein Augenzeuge des Angriffs auf Hannover, den wir in "Der Brand" zitiert finden. Mir scheint an Jörg Friedrichs Büchern das eigentliche Wunder zu sein, dass sie geschrieben werden konnten, ohne dass ihr Autor versteinerte. Je schauerlicher die Sache wird, umso lakonischer die Sprache. Sicher, die militärische Literatur war immer knapp, sachlich, ohne Übertreibungen. Legendär sind in dieser Hinsicht die ersten Heeresberichte des Ersten Weltkrieges: "Die vorgeschriebene Linie wurde erreicht." Aber bei Friedrich ist es doch noch etwas anderes. Indem er sprachlich in die äußerste Unterkühlung geht, hält er dem Brand stand. Der Stadt Pforzheim, lesen wir einmal, kam ein Drittel ihrer Bevölkerung "abhanden".

Der Bombenkrieg war ein Geschehen, an dem sich alle Elemente beteiligten. Sicher spielt das Feuer dabei die Hauptrolle. Aber auch die Erde wird mobil gemacht - es gelang die Erfindung einer sehr schweren Bombe, die ein kleines Erdbeben zu erzeugen vermochte. Das Wasser kam an die Reihe, als die Dämme zerstört wurden und die Fluten über Dörfer gingen. Die Luft wird im Feuer zu Gas, Kohlenmonoxid, und tötet einschläfernd. 60 bis 70 Prozent der Toten fielen dem Gas zum Opfer.

Wo die vier Elemente sich ineinander fügten, wo warm und kalt, feucht und trocken sich harmonisch mischten, da sprach die antike Naturphilosophie von einem Kosmos. So haben wir in dem Buch "Der Brand" nicht irgendein Geschichtsbuch, sondern eher einen Grenzfall der historischen Abhandlung, geradezu einen deutschen Kosmos, projiziert auf die Jahre 1940 bis 45. Wer es liest, sieht sich und sein Land mit anderen Augen. Dafür gebührt Jörg Friedrich unser Dank.

Dr. Lorenz Jäger