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Tischrede Professor em. Dr. Ernst Nolte, Berlin   Druckansicht

Meine Damen und Herren,

wenn ich recht sehe, ist keiner der bisherigen Preisträger der Kronauer-Stiftung - mit partieller Ausnahme von Bogdan Musial und Donald O`Sullivan - den schrecklichsten Ereignissen des Zweiten Weltkriegs so nahe gekommen wie der Preisträger dieses Jahres, Dr. Jörg Friedrich: der "Endlösung der Judenfrage" in seinem Buch "Die kalte Amnestie", dessen erste Fassung im Jahre 1984, erschien und zwei Jahrzehnte später dem Bombenkrieg der Engländer und Nordamerikaner gegen die deutsche Zivilbevölkerung in seinem Buch "Der Brand" von 2002 nebst dem zugehörigen Bildband "Brandstätten" von 2004. Wenn ich den Gedankengang dieser Bücher nachzeichnen und besonders aufschlussreiche Zitate anführen wollte, dann würden wir nicht in der Lage sein, nach dem Ende dieser Tischrede unsere Gläser mit Dank und Zuversicht auf das Wohl des Verfassers und des Stifterpaares zu erheben, denn ein jeder würde nur noch mit den schlimmsten Erinnerungen seines Lebens beschäftigt sein, weil niemanden diese Ereignisse fern geblieben sind, sei es auch nur in der Nachkriegszeit seit 1945.
Ich wähle deshalb einen anderen Weg, der auf den ersten Blick als befremdlich angesehen werden mag, indem ich aus einem Artikel zitiere, den ich zu Anfang der neunziger Jahre auf den Wunsch einer kleinen Provinzzeitung hin geschrieben habe. Der Titel lautete: "Über Ambivalenzen, Unrecht und Recht der Studentenbewegung von 1968". Darin wird gesagt, die Frage lasse sich nicht umgehen, ob um 1968 die deutschen Universitäten nicht zu "Tollhäusern" geworden seien, in denen ein großer Teil der Studenten von einer Art Veitstanz ergriffen waren und kaum eine Institution der Bundesrepublik von ihrem durchdringenden "Faschismus-Verdacht" ausgenommen hätten. Trotzdem stellten sich aber aus einem Abstand von 25 Jahren manche Dinge anders dar: jene aktivistischen Studenten seien die Miturheber der heute etablierten Massenuniversitäten gewesen und mit ihrem Antiautoritismus seien sie zu Vorläufern des Durchbruchs zur "permissiven" Gesellschaft geworden. Zwar hätten die trotzkistischen oder maoistischen Aktivisten sich unverkennbar die alte marxistische Sprache des "Bürgerkriegs" gegen die "bürgerliche Gesellschaft" zu eigen gemacht, aber diese Minderheiten hätten schon von "Simbabwe" gesprochen, während wir konservativen Professoren des "Bundes Freiheit der Wissenschaft" noch von Südrhodesien geredet hätten. Mithin seien diese Studenten keineswegs bloße Veitstänzer gewesen; sie hätten sich vielmehr partiell "im historischen Recht" befunden.

Eine der größten Überraschungen meines Lebens bestand darin, dass ich einige Zeit nach der bewegenden Lektüre des "Brand" erfuhr, dass der Autor, Jörg Friedrich, selbst zu jenen Aktivisten der Epoche von 1968 gehört hatte, ganz wie sein Verleger Christian Seeger und mein Kollege Karl Schlögel. Und dieses Wissen fand eine nachträgliche Bestätigung durch die Lektüre der beiden Bücher über die "Kalte Amnestie" sowie "Das Gesetz des Krieges" von 1993 mit ihren Untertiteln, die lauten: "NS-Täter in der Bundesrepublik" und "Das deutsche Heer in Rußland 1941 bis 1945". Unverkennbar sind beide vom "Geist von 1968" mitgeprägt, indem sie denjenigen Teil des Krieges, der durch die nationalsozialistischen oder "deutschen Verbrechen" gekennzeichnet ist, ganz ins Zentrum stellen.

Und dennoch sind diese beiden Bücher keine bloßen Anklageschriften, sondern bereits sie erweitern den Blick, indem sie etwa von den grausigen Massentötungen auch zahlloser Frauen und Kinder bei der Niederwerfung des Aufstands in der Vendée durch die Heere der Französischen Revolution erzählen. Und im "Brand" demaskiert der Autor die Auffassung, von der man sagen kann, dass sie die verbreiteste aller Deutungen in der ganzen Kriegsgeschichte der Menschheit gewesen sei: diejenige, dass "wir" rundum "gut" seien und "sie", die Feinde, rundum "böse". Dieser Auffassung wohnt eine beinahe zwingende Überzeugungskraft inne, wenn es um den "Krieg" der Nationalsozialisten oder "der Deutschen" gegen die "Juden" geht, aber sie ist nicht zutreffend für den Krieg zwischen dem Deutschland Hitlers und den Westalliierten. Dieser entsprang ja letztlich einer alten politischen Maxime Englands, im Interesse seiner Sicherheit und der Behauptung seines Empire einer politischen Einigung des Kontinents entgegenzutreten, und eine halbe Million von deutschen Zivilisten aller Altersstufen würden ebenso im Feuersturm der Bomben zugrunde gegangen sein, wenn es im Osten nie einen "Holocaust" gegeben hätte. Und so darf, ja muss eine legitime "Aufrechnung" erfolgen, welche die Rede Churchills von den auszutilgenden "Hunnen" ernst nimmt, d.h. nicht aus Unterwürfigkeit gegenüber den Siegern verschweigt oder verharmlost. Und aus Jörg Friedrich spricht nicht der Trotz der "Besiegten", sondern die Überzeugung, die allgemeinmenschlich sein sollte, dass Wissenschaft nie mit den noch so tief gefühlten Überzeugungen vom eigenen absoluten Recht und vom totalen Unrecht der Feinde identisch sein kann. Dass mit der Grundeinsicht der Wille zu Unterscheidungen verbunden sein muss, dürfte sich von selbst verstehen, aber keine dieser Unterscheidungen darf einen "absoluten" Charakter tragen, und am wenigsten der Krieg, den Dwight D. Eisenhower den "Kreuzzug in Europa" nannte.

So bin ich zwar nicht in einem ersten, wohl aber in einem zweiten Schritt dazu gekommen, in dieser Preisverleihung eine späte Versöhnung zwischen dem wandlungswilligen Teil der "Achtundsechziger", zu dem unter nicht wenigen anderen auch Günter Maschke, Peter Furth, Gerd Koenen, Helmut Fleischer, Bernd Rabehl und Klaus-Rainer Röhl zu zählen sind, und dem "reformbereiten" Teil jener "Ordinarien" von Hans Maier über Hermann Lübbe bis zu Richard Löwenthal zu sehen, die sich einer unwiderstehlich scheinenden und in der Tat historisch bedeutsamen Strömung widersetzten. Und ich glaube, dass wir nun ohne Niedergeschlagenheit, ja geradezu frohen Herzens unser Glas auf das Wohl des Preisträgers, Herrn Dr. Jörg Friedrichs, und des Stifterpaares, Herrn und Frau Erich und Erna Kronauers, erheben dürfen.

Prof. em. Dr. Ernst Nolte, Berlin