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ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

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Dankrede Prof. Dr. Ernst Nolte   Druckansicht

Prof. Dr. Ernst NolteLieber Herr Kronauer,

ich spreche Ihnen meinen aufrichtigen Dank aus, dass Sie und das Kuratorium Ihrer Stiftung mir für mein Lebenswerk den Historikerpreis des Jahres 2012 zuerkannt haben, und zwar unter aktiver Teilnahme der dann ganz unerwartet und plötzlich verstorbenen Stifterin Frau Erna Kronauer, die heute zum ersten Male in der Geschichte der Stiftung bei einer Preisverleihung fehlt. Mein Dank gilt ebenso sehr lhnen, verehrter Herr Kollege Scholdt, der Sie ohne Zögern an die Stelle von Herrn Baring getreten sind, dem - hoffentlich bloß temporär - im Zusammenhang mit einer Herzkrankheit das Sehvermögen abhanden gekommen ist. Er gilt nicht minder allen Anwesenden mit Herrn Oberbürgermeiste Remelé an der Spitze, die den Gang zu dem schon traditionellen Ort des Rathauses der Stadt Schweinfurt unternommen oder eine weite Anreise nicht gescheut haben.
   Ich will über das Thema „Die Wissenschaft und der Nationalsozialismus“ sprechen, aber nicht durch die Aufzählung und Analyse von Büchern und Untersuchungen, sondern unter Leitung der Frage, ob es inmitten einer Fülle von Literatur Probleme oder Tatbestände gibt, die von Historikern und Publizisten nicht oder nur ansatzweise thematisiert worden sind.
   Zunächst will ich indessen einige der Schwierigkeiten, welche die wissenschaftliche Behandlung des Nationalsozialismus mit sich bringt, durch einen Hinblick auf drei vorkurzem erschienene Bücher aus dem Bereich der Geschichte Osteuropas anschaulich machen. Am Ende meiner Ausführungen werde ich erklären, weshalb mein Dank von besonderer Art ist und sein muss.

   Ausländische Historiker und deutsche Fachvertreter der „osteuropäischen Geschichte“ verfügen in aller Regel über eine größere Distanz zum Nationalsozialismus sowie über einen anderen Ausgangspunkt, und wenn eine Tendenz der Wissenschaft darin bestehen muss, von allzu großer Nähe zu ihrem Gegenstand fortzukommen und größeren Abstand zu gewinnen, so ist sie in diesem Falle gleichsam von der Natur gegeben.
   So will Timothy S n y d e r, Professor an der Yale University, in seinem 2011 in
deutscher Übersetzung publizierten Buch „Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin“ sich der grauenhaftesten geographischen Konzentration von Menschenvernichtungen durch Massenmorde zuwenden, die es während des Zweiten Weltkriegs und dessen Vorgeschichte in der Welt gegeben habe, nämlich in dem ostmitteleuropäischen Raum von Weißrußland, der Ukraine und den baltischen Staaten bis zur Westgrenze Polens, wo „mitten in Europa das NS- und das Sowjetregime vierzehn Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene ermordeten“. Aber bald danach formuliert er den überraschend klingenden Satz: „In den dreißiger Jahren war die Sowjetunion das einzige Land in Europa gewesen, das politische Massenmorde durchführte....in den sechseinhalb Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg ermordete das NS-Regime nicht mehr als etwa 10000 Menschen. Stalins Regime hatte 1939 bereits Millionen verhungern lassen und fast eine Million Menschen erschossen.“ Noch greller klingt der folgende Satz in den Ohren der Leser: ,,....Bis Ende 1938 hatten die Sowjets etwa tausendmal so viele Menschen ermordet wie die Nationalsozialisten.....Nicht einmal Hitler schien begriffen zu haben, dass Massenerschießungen dieser Art möglich waren.“ (S.9, 12, 127)

   Anscheinend kommt dem Verfasser der naheliegende Gedanke nicht, dass das eine mit dem anderen zu tun haben könnte, nämlich dass ein so ungeheures, aus sämtlichen bisherigen Realitäten und Vorstellungen herausfallendes Geschehen bestimmte Konsequenzen in einem großen Nachbarlande nach sich ziehen könnte, etwa die Entschlossenheit, etwas Vergleichbares im eigenen Lande zu verhindern und sei es auf präventive Weise. Aber offenbar ist für ihn und viele andere Historiker der Eindruck der seit 1941 gegen die Juden in Gang gesetzten und Millionen von Opfern fordernden Vernichtungsaktionen des „Holocaust“ so stark, dass die deutschen Zahlen den sowjetischen gleichkommen und diese sogar übertreffen müssten. Das gelingt ihm jedoch nur partiell, da er keine Unterscheidungen innerhalb der Kategorie „Opfer“ vornimmt. Von den sowjetischen Zeiten vor Stalin, also von den Vorgängen der Revolution und des „Roten Terrors“ ist kaum auch nur andeutungsweise die Rede. Aber dass mindestens das Phänomen des „Stalinismus“ in der Ungeheuerlichkeit seiner Vernichtungsmaßnahmen älter war als der Nationalsozialismus, kann keinem Leser des Buches im geringsten zweifelhaft sein.
   Karl S c h l ö g e l, nicht nur als Osteuropa-Historiker der Universität Frankfurt an der Oder, sondern auch als geistreicher Schilderer von Orten und Zeiten bekannt, stellt in seinem Buch „Terror und Traum. Moskau 1937“ unter Beweis, dass es möglich ist, die furchtbare Zeit des „Großen Terrors“ der Jahre von 1936 bis 1938 in der Sowjetunion mit viel Reichtum an Details sorgfältig zu beschreiben und doch nicht zu verbergen, dass auch diese Jahre eine Zeit des „Aufbruchs“, des erfolgreichen und begeisternden Aufbaus einer gewaltigen Industrie, von wagemutigen Unternehmungen und Entdeckungen waren, die nach ihren Erfolgen von Millionenmassen ohne jeden Zwang umjubelt wurden. Auch die „andere Seite“ eines Phänomens wahrzunehmen und nicht in der bloßen Empörung über „das Schwarze“ in einem Schwarz-Weiß-Bild zu verharren, ist generell eine der wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft, und Karl Schlögel hat sie erfüllt, obwohl Entsetzlicheres als die von der Staatsspitze nach „Quoten“ von vermuteten Feinden aller Art, nicht zuletzt von Angehörigen anderer Nationen wie Polen und Deutschen, zu den unvorstellbarsten Untaten der Weltgeschichte gehören. So verschwindet neben dem Entsetzlichen das Faszinierende nicht, und die Wissenschaft hat gezeigt, dass die Distanz der abwägenden Vernunft im Sturm der berechtigten und nur allzu naheliegenden Emotionen nicht untergehen muss.
   Ich führe noch einige Bemerkungen oder Feststellungen aus dem Buch von Jörg B a b e r o w s k i, Professor an der Humboldt-Universität Berlin, mit dem Titel „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ an, um zwei Merkmale der sowjetischen Verhältnisse deutlich zu machen, die den Unterschied zu allen vergleichbaren Realitäten, einschließlich derjenigen im nationalsozialistischen Deutschland, kennzeichnen. Es handelt sich einmal um die Nähe der bolschewistischen Revolution zu jener spontanen und häufig sehr grausamen„ Volksrevolution“, die aus den Erfahrungen des Krieges hervorging und von den Bolschewiki nicht aufgehoben, sondern nur systematisiert und bürokratisiert wurde: „Die Opfer wurden in siedendes Wasser geworfen, gehäutet, gepfählt, bei lebendigem Leib begraben oder in winterlicher Kälte nackt auf die Straße getrieben und mit Wasser übergossen“. Und als der Hauptexekutor des „Großen Terrors“, Nikolaj Jeschow, schließlich zum Tode verurteilt wurde, starben mit ihm „alle seine Gefolgsleute und deren Verwandte, Frauen wie Kinder, 346 Menschen“. (S. 74, 361)
   Im ganzen darf ich meinen Ansatz von 1963 im „Faschismus in seiner Epoche“, der den Sowjetkommunismus und bereits dessen Präzedens in Marx' „Kommunistischem Manifest“ mit dessen „Todesurteil“ über „die Bourgeoisie“ als Voraussetzung und Ausgangspunkt des„ Bürgerkriegs“ zwischen der älteren, tiefer in der Geschichte verwurzelten Ideologie des„ Marxismus-Leninismus“ und der tendenziell auf der gleichen Ebene re-agierenden Ideologie des Hitlerschen „Radikalfaschismus“ betrachtete, insgesamt und wieder einmal bestätigt sehen. Aber schon dieses Buch war nicht eine Polemik oder Schulderklärung gegenüber dem Marxismus-Leninismus, sondern es verstand diesen als einen „großen Glauben“, der angesichts der „Blutmühle“ des Ersten Weltkriegs auf militante Weise die Hoffnung auf eine „verschmolzene“ Menschheit ohne Staaten, Klassen und Einzelkulturen verwirklichen wollte und gerade deshalb zu der „größten Kraft der Vernichtung“ wurde, die es bis dahin in der Weltgeschichte gegeben hatte, nämlich den Willen zur Vernichtung des streiterzeugenden, weil auf individuellem bzw. kollektivem Egoismus beruhenden „Kapitalismus“. Diese Weltrevolution des militanten Globalismus oder Universalismus sollte der Doktrin zufolge als radikal umwälzende und rein positive Fortentwicklung des bis dahin nur in den „industriell entwickelten“ Ländern existierenden und gerade dort in Gestalt der sonst überall unbekannten Selbstkritik heftig angegriffenen kapitalistischen Wirtschaftssystems ihren letzten und definitiven Fortschritt machen und die ganze Menschheit zu einer harmonischen und rundum sittlichen, weder Polizei noch Gefängnisse benötigenden Gemeinschaft werden lassen.
   Aber wenn diese zugleich „progressive“ und „utopische“ Konzeption sich n i c h t realisierte, dann musste „der Kapitalismus“ als das einzigartige gesellschaftliche System des politischen Liberalismus und des ökonomischen Unternehmertums erscheinen, dem als„ okzidentalem“ bisher aller Fortschritt zu verdanken war und dem der bloße Anspruch eines noch in den Anfangsstadien der Entwicklung steckenden und schon deshalb „barbarischen“ Landes feindlich gegenüberstand. Das bedeutete, dass weder der einen noch der anderen Seite ein vollständiges Recht oder ein vollständiges Unrecht zuzuschreiben war. Es bedeutete ebenfalls, dass die zweite und sekundäre Ideologie sowie ihr Regime und ihr Staat sich von Anfang an in der Position einer Defensiv-Aggressivität befanden. Das wird besonders deutlich in der stets auf sehr einseitige Weise interpretierten geheimen Denkschrift Hitlers zu den „Aufgaben eines Vierjahresplans“ von 1936, wo es heißt: „Ein Sieg des Bolschewismus über Deutschland (der offenbar als möglich angesehen wird,) würde ....zu einer endgültigen Vernichtung, ja Ausrottung des deutschen Volkes führen......Gegenüber der Notwendigkeit der Abwehr dieser Gefahr haben alle anderen Erwägungen als gänzlich belanglos in den Hintergrund zu treten“. (Vjh.f.Ztgesch.1955, S.204 f.) Als unerlässliche Voraussetzung der erfolgreichen Abwehr nennt Hitler die Verwirklichung des Postulats, dass eine radikal-antikommunistische Partei ebenfalls einen „Katechismus“ besitzen müsse, d.h. eine genuine Gegen-Ideologie, denn sonst sei der Kampf „von vornherein verloren.“ (RSA Bd.1, S. 109) Eben dadurch hatte Hitler bereits in seinen Anfängen die schwerstwiegende und potenziell verhängnisvollste seiner Entscheidungen getroffen, denn er machte sich von seinem Hauptfeind innerlich abhängig, so dass dieser Bürgerkrieg einen Charakter gewann, den noch kein politischer Bürgerkrieg gehabt hatte, nämlich denjenigen eines Entscheidungskampfes um das Schicksal der Menschheit in der Gegenwart und der Zukunft.
   Aber eben deshalb wurden auch Fragen allenfalls nur ansatzweise gestellt wie die folgenden: Musste nicht trotz dieses „kausalen Nexus“ im Nationalsozialismus die„ okzidentale“ Version des „Totalitarismus“ gesehen werden? Gab es nicht vielleicht eine Alternative zu der allein zur Wirklichkeit gewordenen extremen Gestalt des Nationalsozialismus? Musste im Hinblick auf „Gulag“ und „Auschwitz“ nicht das meist Übersehene zu Wort gebracht werden, nämlich im ganzen die Unterscheidung zwischen„ soziaIer“ und „biologischer“, ja überbiologischer Vernichtung und damit die Einsicht, dass das Abgeleitete unter philosophischen Gesichtspunkten „böser" sein konnte als das Ursprüngliche, aber auch das paradoxe Nebeneinander von radikalem Vernichtungswillen und „humanitären“ Erwägungen im Falle des Nationalsozialismus?

   Dennoch würde vermutlich niemand mit leidenschaftlichem Nachdruck von „nichtgestellten" Fragen sprechen, wenn es sich nur um einen internationalen Bürgerkrieg von noch so unvergleichlicher Art gehandelt hätte. Starke und weitverbreitete Emotionen wurden und werden nur erweckt, wenn es sich um die Frage der Beteiligung oder sogar der Ursächlichkeit konkreter Menschengruppen handelt, vornehmlich „der Deutschen“ und „der Juden“.
   Dass der Nationalsozialismus „deutsch“ sei, wurde kaum je bezweifelt, aber dass der Kommunismus „jüdisch“ sei, war eine der zentralen Thesen der nationalsozialistischen Propaganda, und deshalb wird jede Wiederaufnahme dieser Fragestellung von vornherein als „Apologie Hitlers“ verstanden, obwohl in der Fachliteratur und weit darüber hinaus die Feststellung, dass im frühen Bolschewismus die Beteiligung von Juden „stark“ oder „sehr
stark“ gewesen sei, so gut wie selbstverständlich ist.
   Um heute eine wissenschaftlich begründete Antwort auf die mindestens in Deutschland „nie gestellte Frage“ zu gewinnen, ob die nationalsozialistische Propagandathese einen „rationalen Kern“ enthalten habe, ist es empfehlenswert, sich nicht an deutsche Historiker und Publizisten zu wenden, sondern an jüdische Autoren.

   In der frühesten Zeit des bolschewistischen Regimes schrieb der berühmte jüdische Historiker Simon D u b n o w aus der unmittelbaren Zeugenschaft des Zeitgenossen nach dem Anschlag auf Lenin im August 1918: „Es ist gut, dass gerade Juden diese Tat vollbracht haben, denn dadurch wird die furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre Beteiligung am Bolschewismus beladen haben.....Der brennende Hass gegen die Bolschewisten wird zu einem ebenso brennenden Hass gegen die Juden.“ Der längst vorhandene „Antisemitismus“ in der russischen Bevölkerung wurde also durch die Erfahrung des Bolschewismus ganz außerordentlich verschärft. Das Attentat gegen Lenin wurde jedoch zunächst zur unmittelbaren Ursache des Regierungsdekrets über den „Roten Terror“, und bei dem gigantischen Blutvergießen, das die Folge war, traten unter Rufen wie „Tausend von euch für einen von uns!“ als Feinde wieder „die Bourgeois“ in den Vordergrund.
   Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und im Wissen um den „Holocaust“ veröffentlichte Sonja M a r g o I i n a, die sich im Vorspruch stolz „die Tochter eines jüdischen Kommunisten“ nannte, im Jahre 1992 ein kleines Buch mit dem befremdenden Titel „Das Ende der Lügen“. Darin war zu lesen: nach dem Sturz des Zarismus sei „der nicht selten gebrochen russisch sprechende jüdische (lettische) Kommissar mit Lederjacke und Mauserpistole typisch für das Erscheinungsbild der revolutionären Macht geworden…..zum ersten Mal erschienen sie (die Juden) nicht als Opfer, sondern als Täter.....Die Tragödie des Judentums bestand darin, dass es keine politische Option gab, um der Rache für die geschichtliche Sünde der Juden - ihre exponierte Mitwirkung am kommunistischen Regime - zu entgehen. Der Sieg des Sowjetregimes hatte sie zeitweilig gerettet; die Vergeltung stand ihnen noch bevor.“ (S. 45,47,66)
   Aus den Begriffen „Rache“ und „Vergeltung“ mussten sich Weiterungen ergeben, so gewiss Sonja Margolina die faktischen „Gegenmaßnahmen“ der deutschen Nationalsozialisten und ihrer in Osteuropa zahlreichen Verbündeten als asymmetrisch und exzessiv verurteilt hätte. Gravierende Unterscheidungen innerhalb allzu ungenauer Begriffe wie „Juden“ und „Holocaust“ mussten also getroffen werden, vornehmlich zwischen deutschen und sowjetischen Juden und zwischen dem Begriff des „Feindvolkes hinter der Front“ und demjenigen des „Weltfeindes“, und ich habe es daran nicht fehlen lassen.
   Die Verurteilung ist auf die nachdrücklichste Weise von einem überaus einflussreichen Juden vollzogen worden, und zwar in eins mit einer Einschätzung der eigenen Rolle, die auch heute alles andere als evident ist, nämlich von Chaim W e i z m an n in seiner zuerst 1947 publizierten Autobiographie „Trial and Error“: „In dem Kampf gegen das Nazi Monster konnte niemand stärker engagiert sein (,,no one could have a deeper stake.....“); niemand konnte fanatischer bestrebt sein, zu der gemeinsamen Sache einen Beitrag zu leisten als die Juden“. (Bd.2, S. 417) „Die Juden“ erscheinen also hier nicht primär als Opfer Hitlers, sondern als solche und tendenziell im ganzen als dessen schärfsten, ja geradezu entscheidende Feinde.
   Nicht weniger an Selbstgewissheit wies die in der Wertung schroff entgegengesetzte Aussage Hitlers auf, die er trotz der für ihn aussichtslosen Situation in seinem „Politischen Testament“ formulierte: „Die Universalisten, Idealisten und Utopisten zielen ins Nichts. Sie Versprechen ein unerreichbares Paradies und betrügen damit die Welt....Sie arbeiten insgesamt an der Unterjochung des Menschengeschlechts.“
   Das abschließende Resultat meines Nachdenkens ist daher das folgende: Sowohl der Sowjetkommunismus als auch der Nationalsozialismus haben sich mit einer „Sache“ identifiziert, die einen machtvollen Bestandteil der gegenwärtigen Grundsituation ausmacht: der „Globalisierung“, die als Erscheinungsform der „Transzendenz“ verstanden werden kann, auf der einen Seite und der Realität des menschlichen Lebens in der Vielfalt seiner Merkmale und Strukturen auf der anderen. Beide haben ihren Teil des historischen Rechts nicht nur von vornherein durch die Nähe zu partikularen Wirklichkeiten wie Rußland oder dasa bedingungslose Festhalten an dem Begriff des Krieges als der unüberholbaren, ja der höchsten Lebensäußerung fragwürdig gemacht, sondern sie haben die jeweiligen Verkehrungen zu einem „Absolutum“ werden lassen. Nachdem beide gescheitert sind, müssen sie sich einer Relativierung dieser absoluten Ansprüche unterwerfen, ohne dass auf Unterscheidungen verzichtet wird, insbesondere nicht auf den Vorrang des aggressiven vor dem defensiven Impuls.
   Meine bloß knapp umrissene Vorstellung von der Zukunft hat eine einheitliche, aber nicht eine „verschmolzene“ Menschheit im Blick, die in ihren keineswegs starren Strukturen Einheit und Vielfalt auf mannigfache Weise synthetisiert. Insofern ist mein aktuelles Ergebnis von trivialer, häufig artikulierter und daher weithin zustimmungsfähiger Art, und eindeutiges Unrecht wird nur denjenigen gegeben, die behaupten, in den großen Kämpfen von gestern habe die eigene Seite „die Richtigen“ und die andere „die Falschen“ umgebracht. Allen Opfern des bisher blutigsten Abschnitts der Geschichte, denen auch „Täter“ nicht selten zuzurechnen sind, muss ein um Verstehen bemühtes und trauerndes, obgleich unterschiedliches Gedenken gewidmet werden, wenn die Menschheit die Periode des Sowjetkommunismus und des nationalsozialistischen Radikalfaschismus hinter sich lassen will.

   Ich bitte Sie, mir noch zwei Worte zu meinem letzten Buch zu gestatten, den „Späten Reflexionen über den Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts“, das im Sommer 2011 vom Karolinger-Verlag in Wien publiziert worden ist. Die wichtigsten wissenschaftlichen Postulate für die Gegenwart - die Juden von ihrer Reduzierung auf den bloßen Opferstatus und die Deutschen von der Subsumtion unter den Begriff des „absoluten Bösen“ als dem Zentrum einer neuen (Pseudo-)Religion zu befreien - habe ich bereits in meinem ganzen Lebenswerk von mehreren Ausgangspunkten aus zu realisieren versucht. In den „Späten Reflexionen“ habe ich ein Vorgehen gewählt, das anscheinend von nicht wenigen Lesern als„ provokativ“ empfunden worden ist, denn die Kapitel über „Juden, Judentum, jüdischer Bolschewismus“ sind gleich an den Anfang gestellt worden, und die ebenfalls vom„ Zeitgeist“ abweichenden Aussagen über Hitler und den Nationalsozialismus folgen bald darauf. Dieses Buch ist jedoch kein Teil des historiographischen und analysierenden Lebenswerks, sondern es hat einen eher aphoristischen Charakter, der es erlaubt, hin und wieder zugespitzte Formulierungen zu wählen und große Teile des „intellektuellen Umfelds“ wie „Egalitarismus“, „Ewige Linke“, „Weltzivilisation“ und „Nachgeschichte“ in einem zweiten Teil einzubeziehen und dann einen weiteren Schritt zur „Philosophie“ hin zu tun. Aber neuartig dürfte vornehmlich die unmittelbare Bezugnahme auf die Situation der Gegenwart sein, welche politische Polemik vermeidet und erkennen lässt, dass der Kampf für Wissenschaftlichkeit der einzige Kampf war, den ich immer führen wollte, und nicht der politische Kampf, den man je nach den Umständen und Ausgangspunkten als„ philokommunistisch“ oder als „philofaschistisch“ kennzeichnen mag.
   Ich kann nicht leugnen, dass es mich sehr betroffen gemacht hat, wie mehrere gute Bekannte und Kollegen, aber darüber hinaus auch geschätzte Gesprächspartner ihre Ablehnung der „Späten Reflexionen“ durch Schweigen oder offene Kritik zum Ausdruck brachten. Der Grund kann so gut wie durchweg nur die scheinbar negative Kritik an „den Juden“ gewesen sein, welche die sich eigentlich aufdrängende Frage überlagerte, ob von mir„ den Juden“ und auch „den Bolschewiki“ gegenüber nicht mehr Respekt an den Tag gelegt wurde, als es vonseiten der Philosemiten und Philokommunisten üblich ist. Wer das Thema„ der Juden“, sei es auch mit klaren Unterscheidungen, auf eine Weise anschneidet, die von der in Deutschland herrschenden Meinung abweicht, sieht sich mit Vorwürfen, ja mit Anklagen konfrontiert, gegen die es keine Abwehr zu geben scheint: ein neuer„ Antisemitismus“ kritisiere die Juden, um ihnen - vielleicht unter der Maske des Antizionismus - ein ähnlich gravierendes Menschheitsverbrechen wie „Auschwitz“, nämlich
die Greueltaten der Russischen Revolution und des „Stalinismus“ so wie das lediglich konstruierte Schreckbild eines „palästinensischen Holocaust“ zuzuschieben und damit „quitt“ zu sein.
   Ich kann nur antworten: Nicht ein „Quittwerdenwollen“ war mein Motiv, sondern innerhalb der Hauptintention, eine philosophische Geschichte der „Historischen Existenz“ und ihres möglichen Übergangs in die „Nachgeschichte“ vorzulegen und dadurch den wirkungsvollsten Ideologien des 20. Jahrhunderts gleichermaßen gerecht zu werden, handelte es sich um den Wunsch, zur Überwindung der antiwissenschaftlichen Ungleichbehandlung eines welthistorischen und in aller Differenzierung sehr aktiven Volkes beizutragen, das aus inneren und äußeren Gründen auf der Ausschließlichkeit seines Opferstatus zu beharren scheint. Aber sogar hier fehlt es nicht an Selbstkritik, und ich erinnere nur an einen Autor jüdischer Abkunft, der diese Ungleichbehandlung mit entschiedenen Worten kritisiert hat, nämlich an Alfred Grosser.
   Und deshalb gilt Ihnen, lieber Herr Kronauer, sowie dem Kuratorium Ihrer Stiftung und Ihnen, verehrter Herr Scholdt, mein ganz besonderer Dank dafür, dass Sie, obwohl lhnen die„ Späten Reflexionen“ bekannt oder jedenfalls nicht völlig unbekannt waren, sich der Macht der „politischen Korrektheit“ nicht unterworfen und einem Autor Ihren Preis zuerkannt oder die Zuerkennung begründet haben, der in der Tat heute in der Bundesrepublik Deutschland so isoliert ist wie kaum ein anderer Historiker und Geschichtsdenker. Aber wir dürfen in diesem unserem kleinen Kreise das Bewusstsein haben, dass sich entweder ein dogmatischer „Absolutismus“ des Geschichtsverständnisses in Deutschland und möglicherweise sogar in Europa durchsetzen wird oder ein freies Denken, das sich an den Maximen einer reflektierenden Wissenschaft orientiert.


Prof. Dr. Ernst Nolte, Berlin