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Laudatio Prof. Dr. Günter Scholdt   Druckansicht

Ein Standhafter.
Laudatio auf Ernst Nolte aus Anlass der Verleihung des Historiker-Preises der Erich und Erna Kronauer-Stiftung am 16. Juni 2012

Prof. Dr. Günter ScholdtDurch die heutige Veranstaltung ehren wir einen Historiker, dessen tatkräftiger Einsatz für ein diskussionsoffenes, rational zu kreierendes Geschichtsbild ihm trotz seiner Ächtung durch den aktuellen Zeitgeist einen Ehrenplatz in der Wissenschaftsgeschichte sichert.
Der 1923 in Witten geborene Ernst Nolte studierte von 1941-45 Philosophie, Germanistik und altgriechischen Philologie. Seit 1945 zunächst als Gymnasiallehrer tätig, promovierte er 1952 in Freiburg mit der Arbeit „Selbstentfremdung und Dialektik im deutschen Idealismus und bei Marx“. Das 1963 erschienene Standardwerk „Der Faschismus in seiner Epoche“ machte ihn schlagartig weltweit bekannt. 1965 erhielt er die Professur für Neuere Geschichte an der Universität Marburg. Seit 1973 wirkte er bis zu seiner Emeritierung 1991 am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin. Erwähnenswert ist noch sein Engagement im „Bund Freiheit der Wissenschaft“, zu dessen Gründungsvätern er gehört.
Mit der Entscheidung für Ernst Nolte als Träger des Historiker-Preises der Erich und Erna Kronauer-Stiftung würdigt die Jury ein spektakuläres Lebenswerk, dessen Umfang und Qualität bestechen. Ich nenne in Ergänzung zu bereits erwähnten stellvertretend nur folgende Titel:
- Marxismus und Industrielle Revolution (1983)
- Deutschland und der Kalte Krieg (1985)
- Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945 (1997)
- Nietzsche und der Nietzscheanismus (1990)
- Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert. Von Max Weber bis Hans Jonas (1991)
- Martin Heidegger. Politik und Geschichte im Leben und Denken (1992)
- Streitpunkte. Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus (1993)
- Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte? (1998)
- Die Weimarer Republik. Demokratie zwischen Lenin und Hitler (2006)
- Die dritte radikale Widerstandsbewegung: der Islamismus (2009)
- Späte Reflexionen: Über den Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts (2011)
- Italienische Schriften. Europa - Geschichtsdenken - Islam und Islamismus (2011).

Addieren Sie noch ein rundes Dutzend weiterer Bücher und eine Fülle an Aufsätzen, Vorträgen oder Interviews hinzu, darüber hinaus beachtliche Leistungen in der Lehre, so wird Manches ahnbar von der stupenden Schaffenskraft eines Forschers und eigenwilligen Geschichtsdenkers.

Doch Noltes Lebenswerk imponiert nicht allein quantitativ oder durch die erstaunliche Belesenheit seines Verfassers. Zusätzliche Qualitäten erwachsen aus einer anschaulichen, beispielgesättigten Schreibweise, aus der Breite seiner Interessen und einem Fachgrenzen überschreitenden Forschungshorizont. Solcher Offenheit wie interpretatorischen Risikobereitschaft verdanken wir Formulierungen, Konstrukte oder Denkfiguren wie die von der „Ewigen Linken“, dem Islam als „Marxismus des 21. Jahrhunderts“, die explizierte Vorstellung vom „Europäischen Bürgerkrieg“ und dem „Überschuss“ der Energien rechter Reaktionsbewegungen ebenso wie die Definition jüdischer oder islamischer Politexistenz als Motor oder Bremse globaler Modernisierungsprozesse. Jüngst etwa deutete er die sakralisierte Globalisierung des Holocaust, die etwa auch Sergio Romano für fatal hält, als „mentale Weltherrschaft“.

Zu rühmen sind sein geschichtsphilosophischer Perspektivenreichtum und die Bereitschaft, in Epochen überspringenden Zusammenhängen zu denken, ebenso sein Mut zu Pointierungen, die erst Licht ins Dunkel amorpher Stoffmassen und bloßer Faktengräber bringen, aber zugleich Kritiker auf den Plan rufen und Übelwollende zu moralistischen Attacken förmlich einladen. Das gilt verschärft für die „Späten Reflexionen“, die einen hierzulande gewiss unterrepräsentierten Lesertypus verlangen, der nicht mit schnüffelnder Spürnase vornehmlich nach fraglos auffindbarem Verfänglichem fahndet, sondern bereit ist, auch einmal Unvertrautes, spontan, ungeschützt bzw. überspitzt Formuliertes abwägend zu prüfen oder sich davon zu Repliken anregen zu lassen.

Und hier muss ich in aller Kürze einiges Grundsätzliche zur Atmosphäre des Streitens in Deutschland sagen, zumindest im Bereich der Zeitgeschichte, wo man im Dissens dem Gegner vielfach nicht nur vorwirft, „Du liegst gewaltig daneben“, sondern unterschwellig vermittelt, „Du bist ein Schurke“. Der als Damoklesschwert über zahlreichen Disputen lastende Antisemitismus-Vorwurf ist schließlich kein Gesprächsangebot, sondern dessen geistig erbärmlicher Abbruch. Er markiert die Zone, wo Staatsanwälte drohen, macht im Kreis der Gesitteten quasi vogelfrei und zielt auf Einschüchterung. Er (und keine wie auch immer umstrittene Ansicht) ist die wahre historiographische Todsünde.

Wenn es Fachvertretern genügt, lediglich nach unkorrekten Stellen zu fahnden, statt sich durch Widerspruch zur intensivierten Forschung anstacheln zu lassen, so nenne ich dies eine jämmerliche Berufsauffassung. Sie paart sich mit Verständnislosigkeit gegenüber dem, was Wissenschaftsdialog eigentlich sein könnte, wo man zur eigenen Leistungssteigerung selbst einen intelligenten Provokateur wie den Faust’schen Mephisto herbeisehnen müsste. Stattdessen orientiert sich die Mehrheit am Modell: Luther im Disput mit Johannes Eck oder Kardinal Cajetan, die Bannbulle unverdrängbar im Hintergrund. Ein ständiges Lauern nach zumindest moralisch justitiablen Sätzen. Das Glück des Zutreibers, wenn man den Delinquenten zur unvorsichtigen Äußerung veranlasst hat. Kurz: das scholastische Lemurenwesen hochgelehrter Geisteszwerge.

Niemals ergebnisoffene Forschung. Stattdessen ein staatlich mit Unsummen alimentiertes Fach Zeitgeschichte, das mit wenigen Ausnahmen, quasi auftragsgemäß, bekannte Ergebnisse produziert, wonach die „Richtigen“ gut und die „Falschen“ abgrundtief böse waren. Ganz wie es das Gesetz respektive der Zeitgeist befahl mit einer tonangebenden Historiker-Riege, der es genügt, einen einzigen Tag im Archiv des Auswärtigen Amts geforscht zu haben, um bereits spektakulär Neues zu verkünden, das kurioserweise dem seit Jahrzehnten vertretenen Alten recht ähnlich ist. So sehen die Folgen aus, wenn Geschichtswissenschaft nicht als faszinierende Chance für passionierte Sozialdetektive, sondern als aktuelle politische Legitimationshilfe begriffen wird. Warten wir ab, bis es eines schönen Tages immer mehr Steuerzahlern dämmert, dass ein solcher Job von einer einzigen PR-Abteilung erheblich preisgünstiger zu erledigen ist.

Soviel zum Einstieg in eine Misere, die nach Polemik förmlich schreit und die von der Kronauer-Stiftung ausgezeichneten Persönlichkeiten als seltene Leuchttürme in dunkler Forschungsnacht erscheinen lässt. Zurück zu Ernst Nolte, der sich wohltuend auszeichnet durch einen Mangel an wissenschaftlichen Berührungsängsten. So etwa, als er Selbstaussagen von NS-Kadern nicht nur (wie im Kollegenkreis üblich) als heuristisch belanglose Propagandalügen abtat, sondern zugleich als Hinweise auf Motivlagen nutzte. Schien ihm doch die verbreitete Praxis, Nazi-Statements schlicht ins Gegenteil zu verkehren, analytisch zu simpel. Zudem verpflichtet er den Historiker darauf, jeden behandelten Gegenstand „irgendmöglich verstehbar und möglicherweise sogar verständlich zu machen, obwohl er sein moralisches Urteil nicht mit dem historischen identifizieren darf.“

Solche Wissenschaftsprämissen mündeten in einen Konflikt, der Prof. Nolte nicht nur als markanten Vertreter seines Fachs bestätigte, sondern selbst zur geschichtlichen Person werden ließ, teils als Blitzableiter überbordender polemischer Energien, teils als Barometer zur Bestimmung des Grades an Meinungsfreiheit vor allem in deutschen Landen. Wir sind beim sog. „Historikerstreit“, dessen Bezeichnung eigentlich einen ganzen Berufsstand diffamiert.

Dies weniger, weil viele Nolte-Verächter (nicht nur im engeren akademischen Sinn) gar keine Historiker waren. Eher schon, weil die zu diesem Anlass aufschäumende Papierflut, der weltweit ganze Wälder zum Opfer fielen, in schreiendem Missverhältnis zu ihrem wissenschaftlichen Ertrag steht. Vor allem aber, weil die Debatte zum überdimensionalen Negativmodell geriet, wie ein fachlicher Streit eben gerade nicht geführt werden soll: mit Schaum vorm Mund, mit Habermas’schen Zitatklitterungen, persönlichen Verdächtigungen, Drohungen und Einschüchterungen, die als Folge dem Gelehrten die weitgehende Ächtung des deutschen Feuilletons und zahlreicher Kollegen einbrachte. Denn hier tobte kein Wissenschaftsdiskurs, sondern ein tagespolitischer Machtkampf mit deutlichen Disziplinierungsabsichten für künftige Abweichler, getragen von einem Geschichtsverständnis, das sich im Wesentlichen auf Geschichtspolitik reduziert.

Bot Nolte hierfür etwa Ursache? Hat er den Holocaust geleugnet oder Opfer geschmäht? Wollte er, patriotisch gestimmt, Verantwortlichkeiten verwischen? Oder hat er gar ethnische Naziurteile bestätigt, implizit Vernichtung gerechtfertigt und wie dergleichen alberne Vorwürfe lauteten? Natürlich nicht. Und selbst zur Frage der Singularität des Holocaust haben Norman Finkelstein oder Egon Flaig weit konsequenter und radikaler Stellung bezogen.

Dennoch hat er offenbar gegen ungeschriebene Darstellungsgesetze des herrschenden Zeitgeists verstoßen, indem er an einer einzig seiner Einsicht verpflichteten Geschichtsschreibung festhielt, fern von volksdidaktischen Exerzitien ad usum Delphini. Historiographisch zu ermittelnde Wahrheit, postulierte er, dürfe „nicht von der Nützlichkeit abhängig gemacht“ respektive aus Opportunitätsgründen verschwiegen werden. Ein Forscher dürfe in seiner Bemühung um Wahrheit keinerlei Vorgaben folgen, auch wo sie humanitär plakatiert sind.

Um dies zu konkretisieren, darf ich skizzenhaft den Ausgangspunkt des Streits resümieren. Er begann 1986 mit Noltes Rede „Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Sie sollte bei den Römerberggesprächen gehalten werden, fiel bezeichnenderweise einer Zensur der Veranstalter zum Opfer und erschien auf Fests Intervention hin in der FAZ vom 6. Juni 1986. Ihr Verf. verwies darin auf ein zeitliches Vorher des Gulag gegenüber dem Holocaust und zog daraus analytisch Konsequenzen. Noltes Hauptthesen betonten
1. totalitäre Gemeinsamkeiten zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus im Sinne von Furets Begriff der „feindlichen Nähe“,
2. eine überschießende Abwehrreaktion in der Hitler-Bewegung aus Kommunistenfurcht,
3. besondere Affinitäten eines bestimmten jüdischen Sozialtyps zur bolschewistischen Revolution, was, wie pauschalisierend-ungerecht auch immer, eine ganze Bevölkerungsgruppe zu einem identifizierbaren Gegner werden ließ.

Für all diese Ansichten finden sich auch anderweitig zahlreiche Nolte stützende Belege. Ich selbst habe seinerzeit aus germanistischer Warte manche von ihnen für die Festschrift zu seinem 80. Geburtstag zusammengetragen und bin nach wie vor der Ansicht, dass Noltes Konzeption einen wichtigen Motivstrang wieder offen gelegt hat. Dass man hierüber dennoch anspruchsvoll streiten kann – François Furet hat es bewiesen –, versteht sich ebenso von selbst wie der Umstand, dass zur NS-Vernichtungsideologie weitere Beweggründe hinzukamen.

Was sich jedoch nicht von selbst verstehen sollte, war die dann losgetretene publizistische Vernichtungskampagne gegen einen Gelehrten, dessen internationales Renommee bis dahin unbestritten war. Zwar gab es, bevor dieser Medienvulkan seine denunziatorischen Lavamassen ausspie, bereits manche Vorbeben, die als Warnung verstanden werden konnten, beim „Dritten Reich“ nicht von der Lehrmeinung abzurücken. Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ z.B., der die „Banalität des Bösen“ und die Rolle der Judenräte thematisiert, hat in den 60ern unter amerikanischen Literaten, wie Amos Elon schrieb, „eine Art Bürgerkrieg ausgelöst“ mit landesweiten Kampagnen und jahrelangen Schmähungen durch Großorganisationen. Fritz Tobias’ akribische Studie über Lubbes Alleintäterschaft am Reichstagsbrand wurde von interessierter Seite mit der Forderung nach disziplinarischen Maßnahmen, gerichtlichen Drohungen und beachtlichem publizistischen Trommelfeuer begleitet. Allen voran agitierte ein mit internationaler Prominenz gespicktes, von Widerstandsorganisationen getragenes Luxemburger Komitee unter dem manichäisch argumentierenden Berner Historiker Walther Hofer und einem gewissen Edouard Calic, dessen dubiose Belege sich später als Fälschungen erwiesen. Auch Hellmuth Diewalds „Geschichte der Deutschen“ wurde in maliziöser Auslegung unter der Hand zu einem angeblich untragbaren Skandalbuch. Ähnliches widerfuhr Joachim Fests Film „Hitler – eine deutsche Karriere“ und zahlreichen anderen.

Insofern dürfte Nolte zumindest etwas vom Risiko geahnt haben, dem er sich aussetzte. Hat er sich doch, laut Redetext, „lange Zeit gescheut“, dieses politisch kontaminierte Problemfeld zu betreten. „Aber“, wie es weiter heißt: „Wahrheiten willentlich auszusparen, mag moralische Gründe haben, aber es verstößt gegen das Ethos der Wissenschaft.“ Da haben wir jenes „et pereat mundus“ („und wenn die Welt zugrunde geht …“) als Wahlspruch des genuinen Historikers. Und es spricht als vielleicht wichtigste Charakterqualität für Nolte, dass er sein Handeln an Kants berühmter Forderung ausrichtete: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Und Mut brauchte gewiss, wer die Folgen solchen Outings auf sich zu nehmen gezwungen war. Denn da rückten nun plötzlich Kollegen von ihm ab, Kübel von Spott und Entrüstung wurden von dogmengläubigen Musterschülern oder geistigen Hinterbänklern ausgegossen, Vortragseinladungen storniert, Editionsvorhaben gestrichen, während man seine Gegner mit Preisen überhäufte. Selbst ein Brandanschlag auf Noltes Auto gehörte offenbar zum Sanktionskanon, bei dem unser sonst so empörungsfreudiges Feuilleton fast durchweg schnell zur Tagungsordnung überging.

Strukturell Vergleichbares haben inzwischen zahlreiche Andere erfahren in einem Land, auf dem der Mehltau des Tugendterrors liegt. In erheblich reduzierter Skandalschwelle war auch mir schon eine Stippvisite ins Unappetitliche beschieden, als selbsternannte Provinz-Torquemadas ihre dürftigen Interpretationskünste an meinen Texten erprobten.

Ein eigenartiges Licht auf unser Geistesleben warfen zudem diverse vertrauliche Gespräche bei Tagungen in abendlicher Runde. Gestanden mir doch zahlreiche Nachwuchshistoriker fast einhellig - teils beschämt, teils offen zynisch -, dass sie um der Karriere willen so manche Einsicht unterdrücken müssten. Und von hoch qualifizierten Kollegen weiß ich, dass sie seit Jahren auch pseudonym veröffentlichen.

Das kann man, je nach Temperament, von der ernsten oder komischen Seite nehmen. Ein Satiriker könnte etwa vorschlagen, potentielle Geschichtsstudenten, die es ja mehrheitlich zu sicheren Beamtenstellen zieht, bereits im Vorstellungsgespräch mit der Warnung zu konfrontieren: „Hier wird Charakter verlangt.“ Vielleicht ersparte dies überfüllten Instituten den Numerus clausus. Oder ernster kommentiert: Ich empfinde diese Stickluft als ungeheuerlich für ein Land, das sich – gerade in Abgrenzung zum Dritten Reich – so umfassend über Freiheit definiert. Einschüchterung und Anpassung dürften ja wohl das Letzte sein, was wir aus einer überwundenen Diktatur lernen sollten.

Joachim Fest hat seinerzeit prophezeit, die „Fragenverbieter und Mythologen von heute“ könnten den Prozess der Historisierung auch des Dritten Reichs nicht aufhalten. Denn der habe „die mächtigste denkbare Kraft auf seiner Seite. Die Zeit.“ Dass „Habermas und die Parteigänger des herrschaftsgeleiteten Diskurses“ mit ihrem „statischen Geschichtsbild“ auch gegen sie anlaufen, mache „sie zu Anwälten einer aussichtlosen Sache.“

Schon möglich. Aber ein zu allem entschlossener meinungsbeherrschender Machtkomplex kann sich lange halten. Und selbst wo seit Jahren die intelligenteren Nolte-Kritiker bereits den Rückzug angetreten haben, von Enzensberger über Augstein bis Wippermann, der dies immerhin öffentlich eingestand, fehlt sonst in der Regel der Anstand, dem Verunglimpften wenigstens rückblickend Abbitte zu leisten. Allenfalls konzedierte ein Einpeitscher der Hetzjagd wie Rudolf Augstein, Noltes Ansatz sei ja „philosophisch richtig“ gewesen. Nur habe er „ihn mit kaum glaublichen Beispielen und absurden Ergebnissen zerstört“. Wenn das so wäre, was hätte näher gelegen, als bessere Belege oder Resultate zu liefern, statt einen Wissenschaftsdisput zum Ketzerprozess zu pervertieren? Denn darum ging es ja vornehmlich, Nolte im Sinne von Brechts „Galilei“ die inquisitorischen „Instrumente“ zu zeigen, wobei übrigens auch ein Satz des Dramas aktualisierbar scheint: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

„Held“ klingt im Kontext etwas unscharf, wo es in dieser Politgroteske eher darum ging, eine der wenigen Rollen zu besetzen, die den aufrechten Gang erlaubt. Aber Protagonist ist Nolte allemal, Vorkämpfer, der stellvertretend für Andere die Causa der unabhängigen Forschung und Meinungsfreiheit ausficht. Dafür, dass er über Jahrzehnte diesen Vorposten hielt, dem Druck nicht erlag oder faule Kompromisse schloss, schulden wir ihm Dank. Er stritt für das Recht auf authentisches Verstehen in seiner Wissenschaft gegen vorgeprägte Geschichtsbilder. Und er bekämpfte die graue Uniformität der Dogmen einer Zivilgesellschaft, von der nicht nur Klonovsky vermutet, dass sie zuweilen das Gegenteil einer zivilisierten Gesellschaft ist.

Nolte bezahlte für diese Art Vorkämpfertum mit dem aktuellen Verlust an bürgerlicher Reputation und einer tüchtigen Portion Lebensglück. Dass er dies auf sich genommen hat und daran nicht zerbrochen ist, verleiht ihm eine Größe, die weiterstrahlen wird. Wenn die Namen vieler seiner zelotischen Gegner, die in der geistigen Magerweide ihrer Netzwerke grasen: jene Staats- und Hofhistoriker neuen Typs, die jedem volksdidaktischen Auftrag genügen in der einzigen Sorge, keinen Anstoß zu erregen, gepaart mit der jämmerlichen Bereitschaft, Außenseiter zu verfolgen oder – nach Ernst Jüngers Worten – einen Koloss zu bekämpfen, der bereits am Boden liegt, – wenn all diese beflissen Konformen längst und zu Recht vergessen sind, wird man immer noch von Ernst Nolte sprechen. Und das ist sicherlich gut so.

Prof. Dr. Günter Scholdt, Saarbrücken