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ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

SCHWEINFURT

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Tischrede Frau Gudrun Grieser, Oberbürgermeisterin a.D. der Stadt Schweinfurt   Druckansicht

Unser Gastgeber und Stiftungsgründer hat mich gebeten, die heutige Tischrede anlässlich der Verleihung des Historikerpreises der Kronauer-Stiftung zu übernehmen.

Das ist keine ganz leichte Aufgabe deswegen, weil die Tischreden, die in der Vergangenheit bei gleichem Anlaß gehalten wurden, außergewöhnlich waren. Einige hielt der heutige Preisträger selbst und vertiefte dabei nochmals einen besonderen Aspekt im Werk des jeweiligen Preisträgers. Dazu sehe ich mich begreiflicherweise weder aufgerufen noch in der Lage.

Für mich steht die heutige Preisverleihung vor allem unter dem Stichwort „Lebenswerk“, und dies gleich zweimal.

Zum einen ehrt die Erich und Erna Kronauer-Stiftung mit ihrer siebten Preisverleihung – man soll Zahlensymbolik nicht überbewerten, aber die Sieben ist ohne Zweifel eine besonders erhabene Zahl! – Herrn Professor Ernst Nolte für sein großes und bedeutendes wissenschaftliches „Gesamtwerk“. Wenn ich statt dieses sachlich-konkreten Begriffes dennoch lieber das Wort „Lebenswerk“ wähle, in dem assoziativ so viel mehr mitschwingt, so bitte ich dies nicht mißzuverstehen. Ich will damit keinesfalls unterstellen, verehrter Herr Nolte, dass wir Ihr wissenschaftliches Arbeiten heute als abgeschlossen betrachten. Obwohl Sie sich der Neunzig nähern, könnten Sie wohl mit wenig Mühe noch Sachverhalte und Erkenntnisse zu Papier bringen, für die Jüngere nicht mehr die Energie und Klarsicht aufbrächten.

Nein, ich sehe mich gerechtfertigt, bei meiner kurzen Betrachtung das Wirken eines Menschen in einen begrifflichen Zusammenhang mit seinem Leben zu bringen, weil auch ich heute einer Frau gedenken muß, ohne deren gestalterischen Willen wir diesen Anlaß gar nicht begehen würden. Frau Erna Kronauer hat diese Stiftung, ihre Zielsetzung, ihre Ausstattung und ihre bisherige Tätigkeit so maßgeblich mitgeprägt und lebendig gehalten wie ihr Mann. Am dritten Advent des vergangenen Jahres ist Frau Kronauer plötzlich verstorben. Vorher hatte sie die Entscheidung mit gefällt, dieses Mal nicht einen jüngeren Historiker durch den Preis zu fördern, sondern das Werk eines ganzen langen Gelehrtenlebens zusammenfassend zu würdigen. Sie konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass sie, um mit Rilke zu sprechen, den letzten Ring ihrer Jahre bereits begonnen hatte, den sie nicht mehr „vollbringen“ sollte. Der Historikerpreis ihrer gemeinsamen Stiftung ist aber ohne Frage d a s Werk ihres Leben, das sie lange überdauern wird. Rückblickend betrachtet erscheint somit gerade diese Preisentscheidung als schöne Fügung.

Sehr geehrter Herr Professor Nolte, beim heutigen Festakt ist über Ihr herausragendes geschichtswissenschaftliches und geschichtsphilosophisches Werk gesagt worden, was gesagt werden musste. Das geschah aus berufenem Munde und bedarf keines Koreferats von Seiten eines Laien. Ihre Laudatio, sehr geehrter Herr Scholdt, mit ihrem Feuerwerk pointierter und, wie ich denke, ins Mark treffender Feststellungen und Formulierungen wäre ohnehin unerreichbar.

Ich möchte allerdings, sehr geehrter Herr Nolte, meine Genugtuung darüber ausdrücken, dass nach heftigen Anfeindungen in der Vergangenheit das Bild Ihres differenzierenden, mutigen, aufrechten und ideologisch unbestechlichen Forscher- und Gelehrtenlebens immer klarer zu Tag tritt. Der Begriff „Historikerstreit“ ist in die Geschichte der Geschichtsschreibung eingegangen und Ihr Name steht in seinem Mittelpunkt. Jetzt, mehr als ein Vierteljahrhundert später, sind die Wogen geglättet und die seinerzeitige Auseinandersetzung wirkt teilweise „akademisch“ im doppelten Sinne des Wortes. Wir sollten uns davon jedoch nicht täuschen lassen. Bei uns in Deutschland ist die Decke sachlich führbarer Auseinandersetzungen im Bereich geschichtlicher wie politischer Themen dünn, mir scheint dünner als in den meisten Ländern. Dafür ist die Bereitschaft umso größer, jedem, der den eng und einseitig definierten Konsenskorridor der political correctness verlässt, nicht nur Irrtum zu unterstellen, sondern gleichzeitig inakzeptable, ja verwerfliche Motive. Bestimmte Gruppen versuchen bei uns immer wieder, nur eine bestimmte Sichtweise als zulässig durchzusetzen. Das muss jedem gegen den Strich gehen, der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt als Werte hochhält. Von einem Historiker wollen wir wissen, was war, wie es war und möglichst auch warum es war. Schon möglich, dass die Antworten darauf der öffentlich geduldeten Meinung manchmal nicht gefallen. Aber was braucht eine offene Gesellschaft, damit Demokratie gelingen kann: braucht sie kritisch-differenzierende Aufklärung oder ideologisch-dogmatisch ausgerichtete Stromlinienförmigkeit? Ich drücke mich zurückhaltend aus, aus Rücksicht auf unseren Gastgeber. Aber ich teile nahtlos die Einschätzung des heutigen Laudators über den Zustand der „Freiheit“ in unserem Land. Nach über zwei Jahrzehnten im öffentlichen Leben kenne ich zur Genüge die Zwänge der political correctness. Heute, während seiner Rede, habe ich mich seit langem wieder einmal „frei“ gefühlt!

Sie, sehr geehrter Herr Nolte, haben in Ihren Forschungen Fakten und Zusammenhänge unserer jüngsten Geschichte beleuchtet und interpretiert. Unser Volk, belastet mit einer schweren Geschichte, muss gegenwärtig seinen Weg an führender Stelle in Europa irgendwie finden. Dieser Spagat wird uns zur Zeit fast täglich abverlangt. Eine der geschichtlichen Wahrheit möglichst nahe kommende Sicht auf uns selbst kann bei dieser Aufgabe helfen. Das Werk, das Sie in einem langen Gelehrtenleben hervorgebracht haben, und für das Sie heute geehrt wurden, möchte ich gerne als Werkzeug zur nationalen Selbsterforschung sehen, das mithilft, verantwortungsvoll aber nicht zeitgeist-hörig an der Zukunft zu bauen.

Ich bitte nun alle Gäste, mit mir ihr Glas zu heben und auf Ihre Lebensleistung und auf Ihr persönliches Wohlergehen anzustoßen.