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Dankrede Prof. Dr. Sean McMeekin   Druckansicht

Prof. Dr. Ernst NolteSehr verehrter Herr Kronauer, Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren,

nach einem Jahrhundert steht immer noch die Hauptfrage im Raum: Warum ist ein schrecklicher europäischer (und dann Welt-) Krieg ausgebrochen? Und warum kam der Krieg nach der Julikrise im Jahr 1914, und nicht nach der ersten oder zweiten Marokkokrise in 1905/1911, oder nach der ersten bosnischen Krise von 1908, oder im Gefolge des ersten oder zweiten Balkankrieges 1912-1913. oder nach dem sogenannten "Liman von Sanders Affäre" im Dezember 1913-14?

Die Antwort, die man auf diese Urfrage der modernen Geschichte gibt, kann ein "Fenster" zu einer ganzen Weltanschauung öffnen. Für manche patriotische (oder chauvinistische) Serben, Russen, Franzosen, oder Briten ist diese Frage einfach zu beantworten. Die Schuld Deutschlands steht außer Frage, sie ist von Bedeutung für ihre nationalen Mythen.

Auch viele Deutsche, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg und der Judenvernichtung des Holocaust, sehen die ganze Frage nach Deutschlands Schuld im Jahr 1914 als etwas unrechtmäßiges an. Hitler und die Nationalsozialisten haben schlie0ßlich gedacht, dass die "Kriegsschuld" Deutschlands nach dem Versailles-Vertrag (Artikel 231" falsch war, deshalb kann ein Deutscher Angst davor haben, dieselbe "Nazi" Meinung zu tragen. In diesem Fall ist dies anscheinend rein historische Frage sorgfältig politisiert geworden.

Ich bin kein Deutscher, und ich kann also dieses Problem sehen, doch teile ich diese Gewissensnot letztlich nicht. Als Historiker sind für mich die wichtigsten Fragen zu 1914 in der Wahrheit, also in der Sache selbst zu suchen, nicht in ihren jetzigen politischen Konsequenzen.

Als Amerikaner habe ich auch etwas die Perspektive eines "Außenseiters." Es stimmt, dass die U.S.A. in 1917 in diesem Krieg gegen Deutschland gekämpft haben, (aber zuerst nicht zugleich gegen Österreich-Ungarn, und nie gegen Deutschlands andere Alliierte, Bulgarien und das Osmanische Reich), aber diese Intervention ist immer noch für Amerikaner umstritten und fragwürdig; Präsident Woodrow Wilson hat die U.S.A. eben mit den Entente-Mächte "assoziiert," nicht alliiert). Es gibt immer noch viele Amerikaner, die öffentlich in den 1920-en und 1930-en Jahren fragten (und immer noch heute fragen), warum wir in einem anscheinenden inneneuropäischen Konflikt Partei ergreifen mussten. Es gibt eine lange und reiche Tradition von amerikanischen Gelehrten, die die Geschichte des Ersten Weltkrieges unparteiisch geschrieben haben, z.B. Sidney Bradshaw Fay (1876-1967), Autor des klassischen "The Origins of the World War" (1928).

Nach der Erscheinung seiner großen Studie wurde Sidney Fay, natürlich, von Partisanen der "Deutschland ist Kriegsschuld" Schule als übermäßig "Deutschfreundlich" bemängelt. So hat man auch nach meinem Buch Rußlands Weg in den krieg reagiert, als hätte ich als Deutschlands Reparaturwerkzeug gespielt. Nach vielen Rezensionen dieses Buches scheint es eine Sünde zu sein, wenn man die Kriegsziele irgendeiner Macht außer Deutschland nachforscht.

Für die Bannerträger von einseitiger Geschichte des ersten Weltkrieges gibt es aber ein unüberwindbares Problem. Die unbequeme Wahrheit ist, dass alle Kriegsteilnehmer von 1914 (und auch, allerdings besonders die opportunistischen Teilnehmer von 1945, 1916, und 1917) aggressive Kriegsziele hatten, die von heutigen Perspektiven als "imperialistisch" angesehen müssen. Serbien, das "opfer" von Österreich-Ungarns Aggression in 1914, hatte zwei Expansionskriege gegen sein Nachbarn in den Jahren 1912 und 1913 begonnen, und hat übrigens im Ersten Weltkrieg ein großes Reich gewonnen, das die Sieger "Jugoslawien" nannten. Russland, bis zur Revolution 1917, hatte schon fast die asiatische Türkei bezwungen und stand vor den Toren des größten Traums der Tsaren, der Hauptstadt Constantinople ("Tsargrad"), die ihm schon von Rußlands Alliierten versprochen worden waren. Frankreich hat offen für die Eroberung des deutschen (und ehemaligen französischen) Elsass-Lothringen in 1914 gekämpft und dies in 1918 (mit Hilfe ihrer Alliierten) gewonnen, und zugleich ein großes Reich im Mittleren Osten erobert. Groß-Britannien, schon ausgestattet mit früheren imperialistischen Eroberungen, hat sich vielleicht nicht so offen in 1914 mit aggressiven Krigszielen in den Krieg geworfen, aber es hat schließlich aus diesem Krieg das größte Reich aller Zeiten erobert. Deutschlands berüchtigte Kriegsziele waren ebenso aggressiv wie diese, mit dem Unterschied dass sie, außer in dem kurzlebigen Vertrag von Brest-Litovsk 1918, die nicht realisiert worden sind.

Diese Tatsachen sind keine Geheimnisse. Warum also schreiben so viele Historiker, als hätte es nur eine Macht in Juli 1914 gegeben, die einen Krieg vorhatte (oder "gewollt") hat? Ein Teil der Antwort, meiner Meinung nach, hat mit Quellen zu tun. Man schreibt immer, dass deutsche Staatsmänner wie Bethmann Hollweg ihre Papiere "verbrannt haben." Der neue Skandal, der kürzlich über die Entdeckung einiger Liebesbriefe von Kurt Riezler ("Meine liebe Käthe") ausgebrochen ist, ist typisch. Man schreibt jetzt, als ob diese Briefe endlich Beweis Deutschlands Kriegsschuld geben könnten, den man in den "verlorenen Papieren" Bethmann Hollwegs finden wollte, aber nicht konnte.

Ich finde diese ganze Diskussion merkwürdig. Ja, wir haben nicht alle privaten Quellen der deutschen Staatsmänner vom Juli 1914, nicht alle persönliche Briefen und Tagebücher. Das stimmt aber genauso bei privaten Papieren von französischen, russischen, serbischen, und englischen Staatsmänner, von denen wir nur einen kleinen Teil (z.B. die berühmte "Liebesbriefe" vom britischen Prime Minister H. H. Asquith zu Vevetia Stanley haben. Nach den kontroversen Fragen über Kriegsschuld in 1914, wollen wir es da wirklich so verwunderlich finden, dass so wenige private "Verdachts" Briefen, Tagebücher usw. gefunden worden sind?

Viel interessanter steht die Lage mit öffentlichen Quellen vom Juli 1914. Hier gibt es einen bedeutenden Unterschied, aber nicht der, der man von westlicher Volksweisheit über den Ersten Weltkrieg erwarten würde. Die öffentlich zugänglichen deutschen und österreichischen Quellen, d.h. alles von diplomatischer Korrespondenz bis zu stenographischen Berichten von Sitzungen (z.B., in einem auffälligen Fall, die Sitzung 19. Juli im Privathaus des österreichischen Außenministers Berchtold), sind nicht nur voluminös, sondern auch leicht zu finden, weil sie schon lange veröffentlicht worden sind. Andere deutsche Quellen sind einfach beim politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin, bei der Militärabteilung in Freiburg, oder eben in den National Archives in Washington DC leicht zu finden.

Im Gegensatz dazu sind die öffentlichen französischen und besonders russischen Quellen vom Juli 1914 immer noch dünn gesät. Viele wichtige Papieren sind verschwunden geworden oder sind gar nicht zu finden, z.B. eine ganze Woche von Telegrammen von Maurice Paléologue, des französischen Botschafters in St. Petersburg, nach der Ermordung des Erzherzogs in Sarajevo, vom 28. Juni bis zum 6. Juli 1914. Es gibt auch Lücken in der Korrespondenz zwischen dem Russischen Außenminister Sergei Sazonov und seinen Gesandten in Paris und Belgrad für zehn volle Tage nach dem 28. Juni. Briefe an Sazonov von Rußlands mächtigem Botschafter in Paris, dem ehemaligen Außenminister Alexander Izvolsky, sind für fasst einen ganzen Monat nach dem Sarajevo Attentat verschwunden. Vor dem 28. Juni 1914 gibt es, an meisten tagen, fünf oder mehr Telegramme. Dagegen gibt es zwischen dem 19. Juni und dem 22. Juli 1914 nur einen einzigen Brief an Sazonov - und darin ist weder von Sarajevo noch von russischer Außenpolitik die Rede, sondern lediglich von inneren Angelegenheiten Frankreichs.

Aus französischen Quellen, haben wir immer noch keine offiziellen Berichte über den viertägigen Gipfel vom 20. bis zum 23. Juli in St. Petersburg, auf dem der französische Präsident, der Zar, der russische Außenminister und der französische Premierminister zusammentreffen. Nicht ein Fetzen Papier über diesen Staatsbesuch ist jemals aufgetaucht, trotz der ausgiebigen Forschungen von Seiten sowjetischer Wissenschaftler und den Herausgebern der offiziellen französischen Dokumentensammlung über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Nur mit der Erscheinung Stefan Schmidts Buch "Frankreichs Außenpolitik im Julikrise" in 2009 haben wir eine bemerkenswerte Untersuchung der Politik Frankreichs und seines streitlustigen Präsidenten Raymond Poincaré, und Schmidt musste jahrelang obskure Quellen aussuchen, um Poincarés Denkweise zu rekonstruieren.

Soweit vom Mythos der "verbrannten deutschen geheimen Papiere vom Juli 1914". Die Wahrheit ist, dass wir einen Überfluss von deutschen (und österreichischen) Quellen haben, und deshalb ist die historische Literatur über Kriegsausbruch so streng deutschfeindlich schrägstellt. Wir wissen sehr viel mehr von der Denkweise der deutschen und österreichischen Staatsmänner in Juli 1914, als von ihren serbischen, russischen, und französischen Gegenstücken. Ein paar Beispiele genügen, um eine Idee den Lücken unsere Kenntnis zu geben.

Um 6. Uhr am 24. Juli 1914, nachdem die Ausdrücke des österreichisch-ungarischen "Ultimatums" an Serbien bekannt worden sind, traf Sazanov mit Serbiens Gesandtem in Russland, M. Spalajkovíc zusammen. Wir wissen gar nicht, was sie wegen des Ultimatums diskutierten, weil eine ganze Anzahl von Spalajkovícs Depeschen, die er am diesem kritischen Tag nach Belgrad abgeschickt hat, verloren gegangen sind. Wir wissen übrigens mehr über dieses vielleicht entscheidende Treffen aus den Depeschen von Deutschlands Botschafter in St. Petersburg, Friedrich Pourtalés, als von Sazonov oder Spalajkovíc.

Noch wichtiger sind die Lücken in den Quellen von der Nacht 29-30 Juli 1914. Von deutscher Seite wissen wir, dass Bethmann Hollweg in dieser Nacht, kürzlich vor Mitternacht, endlich eine Warnmeldung von Sir Edward Grey in London bekommen hat, d.h., "sollte es zu einem allgemeinen Krieg kommen, für Großbritannien schwierig wird, neutral zu bleiben." Seine illusionen über britische Neutralität waren angeschlagen. Bethmann Hollweg sandte, um 2.55 Uhr morgen früh am 30. Juli 1914, jenes historische Telegramm nach Wien, in dem er den sogenannten Blankoscheck mit folgenden Wörtern wieder aufkündigte:

"Wir als Deutsche" sind bereit, unseren Pflichten als Verbündeter nachzukommen, müssen es jedoch ablehnen, von Wien mutwillig und ohne unsere Ratschläge zu beachten, in einen Weltbrand hineingezogen zu werden."

Zur gleichen Zeit in St. Petersburg. Sazanov traf mit Pourtalés zusammen und sagte ihm, dass es "nicht länger möglich sei, den Befehl für die [russische] Mobilmachung zurückzuhalten." Aber er erklärte nicht warum es nicht lange möglich war: weil Sazonov schon früher an dieser Nacht ein Telegramm an Izvolsky in Paris geschickt hat, in dem der Russische Außenminister ganz offen sagte, dass es "bleibt uns nur eines, nämlich unsere Aufrüstung so schnell wie möglich voranzutreiben und den Krieg als unmittelbar bevorstehend zu betrachten." Als Izvolsky diesen Telegramm an 2 Uhr morgen früh am 30. Juli bekam, beeilte er sich (und der russische Militärattaché, Graf Ignatjew) den französischen Präsident Poincaré und Premier René Viviani aufzuwecken, um den Franzosen anzuzeigen, dass Rußland sich für allgemeine Mobilisierung entschieden hat.

Wir haben leider keine Quellen darüber, was bei diesem welthistorischen Treffe zwischen den Franzosen und Russen diskutiert worden ist. Die Wichtigkeit dieses Mitternachtstreffens ist übrigens genügend deutlich, dass die amerikanische Historikern Barbara Tuchman, in ihrem Bestseller "The Guns of August," das Datum zwei Tagen später geändert hat. Dadurch erscheint es so, als ob der russische Botschafter und der Militärattaché die Franzosen nur nach dem Erhalt von Deutschlands Ultimatum zu Rußland am 31. Juli aufgeweckt hat, nicht nach dem Erhalt Nachrichten von Rußlands einseitiger und unprovizierter Entscheidung für allgemeine Mobilisierung am 29. Juli.

Ich begeistere mich für diese Fragen von Chronologie und Kausalität, für diese geheimen Lücken unserer Kenntnisse wegen verschworenen (oder absichtlich untergegangenen) Quellen. Dass ich diesen noch offenen Fragen nachforsche bedeutet nicht, dass ich Deutschland für seine Rolle im Ausbruch des Ersten Weltkrieges exkulpieren will. Es heißt nur, dass ich die ganze Wahrheit wissen will.

Nach diesem Preis zu urteilen, der mir von der Kronauer-Stiftung verliehen worden ist, scheint es dass sich auch viele Menschen in Deutschland für die Diskussion um die historische Wahrheit wegen des Juli 1914 interessieren. Die ehrliche Untersuchung von umstrittenen, streitsüchtigen Fragen soll die Aufgabe jedes Historikers sein. Ich bedanke mich in aller Bescheidenheit für diese Große Ehre, un ich hoffe, dass mein Werk kräftige Diskussionen und Debatten erregen wird.

Prof. Dr. Sean McMeekin