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Laudatio Prof. Dr. Dr. h.c. Horst Möller   Druckansicht

Laudatio für das Werk von Sean McMeekin,
„ Rußlands Weg in den Krieg. Der Erste Weltkrieg – Ursprung der Jahrhundertkatastrophe“
(Schweinfurt 22. Oktober 2016)

Prof. Dr. Günter ScholdtSehr verehrter Herr Kronauer, Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren,

Die Erich und Erna Kronauer-Stiftung hat es sich seit vielen Jahren zum Ziel gesetzt, wichtige historische Werke oder Autoren mehrerer Werke auszuzeichnen, die mit einem freien Blick, neuen Fragen oder Methoden zentralen Problemen der neueren oder Zeitgeschichte auf den Grund gehen – Autoren, die sich ihre Fragen – und natürlich ihre Antworten - nicht durch Mehrheitsmeinungen, durch den gesellschaftspolitischen oder wissenschaftlichen Mainstream einengen oder präjudizieren lassen. Dies ist allein schon deshalb erfreulich, weil dadurch neue Forschungen in der Regel jüngerer Forscher angeregt und ermutigt werden. Auf diese Weise wird der wissenschaftliche Pluralismus in einer demokratischen Gesellschaft gefördert. Und nicht zuletzt: Die Kronauer-Stiftung beschränkt sich dabei nicht zwangsläufig auf deutsche Autoren und trägt damit dem internationalen Charakter der Forschung Rechnung.

So ist die heutige Auszeichnung von Sean McMeekin ein schönes Exempel für die Prinzipien, denen sich die Kronauer-Stiftung verpflichtet fühlt, sie nimmt durch sie eine singuläre Stellung in Deutschland ein. Herr Kronauer hat in der Begrüßung bereits die wichtigsten akademischen Stationen von Sean McMeekin genannt. Ich kann mich deshalb auf den Hinweis beschränken, daß unser Preisträger vor dem heute auszuzeichnenden Werk schon durch mehrere andere Bücher ausgewiesen ist, u.a zur Geschichte des Bolschewismus und einer politischen Biographie über den kommunistischen Politiker, Verleger und Exilautor Willi Münzenberg, der 1937 wegen seiner Kritik an Stalin aus der KPD ausgeschlossen wurde und 1940 auf der Flucht vor deutschen Besatzern in Frankreich unter nie wirklich geklärten Umständen ums Leben kam. Ein weiteres Buch über die berühmte Berlin-Bagdad-Bahn in ihrer internationalen politischen Bedeutung für die Beziehungen des Osmanischen Reiches mit dem Deutschen Kaiserreich gehört im weiteren Sinne in die Vorgeschichte seines Buches über den Ersten Weltkrieg, und das Buch „Juli 1914. Der Countdown in den Krieg“ gehört direkt zur gleichen Thematik, indem es eine vergleichende Darstellung der etwa hundert Akteure in allen Großmächten und damit eine Hierarchie der Verantwortlichkeiten vorlegt.
Für einen recht jungen Autor von 42 Jahren handelt es sich also um ein schon quantitativ bemerkenswertes Oeuvre, in dem thematisch die Geschichte Rußlands, Deutschlands sowie die des Osmanischen Reiches bzw. der Türkei eine zentrale Rolle spielen.

Eine der Voraussetzungen für innovative Forschungen, insbesondere zum Ersten Weltkrieg, ist die bereits von Herrn Kronauer genannte große Kompetenz in mehreren Sprachen. Nur mit ihrer Hilfe waren die intensiven Archivstudien, die Herr McMeekin für sein Werk in russischen, deutschen, österreichischen, britischen und französischen Archiven sowie in einer Vielzahl veröffentlichter Dokumente betrieben hat, überhaupt möglich – gerade dadurch zeichnet sich sein Werk aus. Wir werden sehen, welch zentrale Rolle dies für seine Interpretation und den historiographischen Rang dieses Buches spielt.

Für Zeithistoriker kann es kaum ein wichtigeres Thema als den Ersten Weltkrieg geben, bildete er doch, wie der amerikanische Historiker und Diplomat George F. Kennan in einem immer wieder zitierten treffenden Wort gesagt hat, die „Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Dies gilt nicht allein für die extrem hohe Opferzahl von 10 bis 15 Millionen Toten, die vielen Millionen Verletzte und Verstümmelte, die riesigen materiellen Schäden insbesondere in Frankreich, sondern ebenso für die in ihrer Wirkung grauenhafte Modernisierung der Kriegsführung. Die Ur-Katastrophe lag darüber hinaus vor allem in den Folgen dieses europäischen und weltpolitischen Krieges, der nicht mit einem stabilisierenden, nachhaltigen Friedensschluß beendet wurde: Die Nachkriegszeit seit 1919 wurde deshalb zur Vorkriegszeit für den noch ungeheuerlicheren Zweiten Weltkrieg. Schon 1920 veröffentlichte der ehemalige italienische Ministerpräsident Francesco Nitti ein Buch mit dem Titel „Das friedlose Europa“, und Winston Churchill hielt einen weiteren Krieg für kaum vermeidbar. Ohne den I. Weltkrieg ist weder der Niedergang der meisten europäischen Demokratien während der Zwischenkriegszeit noch der zeitweilige Siegeszug totalitärer Ideologien und Diktaturen erklärbar. Und sie wiederum bilden das Ursachengeflecht für den II. Weltkrieg.

Zu den wichtigsten historiographischen Problemen der Geschichte des 20. Jahrhunderts gehört also die Frage: Wer trägt die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs und damit eine Mitverantwortung für alle folgenden Katastrophen? Als im Artikel 231 des Vertrags von Versailles dem Deutschen Reich die Alleinschuld am Kriegsausbruch attestiert wurde, war die Empörung in Deutschland riesig. Für Frankreich ging es indes nicht nur oder nicht einmal in erster Linie um moralische Schuld, sondern um eine völkerrechtlich definierte Verantwortung, die die Forderungen nach Reparationen rechtfertigte.

Deutschland antwortete auf diese Kernfrage mit einer 40-bändigen Edition von Akten des Auswärtigen Amtes „Die Große Politik der europäischen Kabinette 1871-1914“. Sie hatte zwar durchaus auch defensiv-apologetische Züge, doch stellte die Edition andererseits der Forschung eine zumal im internationalen Vergleich beispiellose Fülle von zentralen diplomatischen Dokumenten zur Vorgeschichte des Weltkriegs zur Verfügung. Dies ist schon deshalb besonders hervorzuheben, weil in anderen Staaten eine 50-jährige Sperrfrist für die Weltkriegsakten (einschließlich der für die Vorgeschichte des Krieges wichtigsten) galt und im übrigen nach 1945, lange vor den meisten anderen Staaten, weitere deutsche Dokumente zugänglich gemacht wurden.

Um den Rang des Werkes von Sean McMeekin erfassen zu können, muß ich Ihnen einen kurzen Diskurs zur historiographischen Ausgangslage zumuten, der an die einleitende Bemerkung von Herrn Kronauer anschließt.

Waren sich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft in Deutschland nach 1919 weitestgehend einig, daß es keine deutsche Alleinschuld gegeben hatte, große Teile sogar an der propagandistischen und ebenso wenig haltbaren Überzeugung festhielten, das Deutsche Reich habe einen Verteidigungskrieg geführt, präventive Aktionen seien allein auf die Bedrohung und Einkreisung durch die Entente zurückzuführen, so änderte sich diese Einschätzung schlagartig 1961. In diesem Jahr erschien das umfangreiche Werk des Hamburger Historikers Fritz Fischer „Der Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland“. Es traf naturgemäß zunächst auf heftigen Widerspruch, beispielsweise des bedeutenden und einflussreichen Freiburger Historikers Gerhard Ritter. Doch setzte sich in den folgenden Jahren national und international Fischers Sicht immer mehr durch, zumal Einzelstudien zahlreicher Fischer-Schüler die Interpretation ausweiteten und er selbst in mehreren weiteren Büchern seine eigene Interpretation erheblich radikalisierte, indem er von anfänglicher Differenzierung zu immer dogmatischerer Behauptung einer Alleinschuld fortschritt. Seine Kernthesen gipfelten schließlich in einer spekulativen Konstruktion, nämlich der Behauptung einer Kontinuität imperialistischer Expansionspolitik des Deutschen Reiches von Bismarck bis Hitler.

In der minutiösen empirischen Rekonstruktion aus den Akten lag nun aber das ursprüngliche Verdienst Fischers, der beispielsweise für die Julikrise 1914 bis in die Minuten hinein den Telegrammwechsel zwischen Berlin und Wien präzis erfasst hat. Er konnte u.a. nachweisen, daß Berlin die Wiener Regierung nicht von einer den Krieg provozierenden Politik abgehalten hat. Fischer konnte zeigen, inwiefern die Reichsregierung und einflussreiche Gruppen den Krieg gewollt oder zumindest billigend in Kauf genommen haben, um sehr weitreichende Kriegsziele zu erreichen. Und in der Analyse dieser Kriegsziele liegt, trotz mancher methodischer Schwächen, ein weiteres Verdienst Fischers. Unbestreitbar ist seit seinem Werk, daß das Deutsche Reich keinen bloßen Defensivkrieg führte und eine wesentliche Mitverantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug. Eine entscheidende Mitverantwortung ist aber noch keine Alleinschuld.

Und hier gilt es, Fischers Vorwort von 1961 zu zitieren: „Man mag eine fortdauernde Bezugnahme auf die Kriegsziele der Gegnermächte Deutschlands vermissen. Doch einmal sind die Archive Englands, Frankreichs und Rußlands für die Zeit nach 1914 noch nicht freigegeben; zum anderen würde die Kriegszielfrage für jeden der genannten Staaten ein eigenes Werk erfordern... („annexionistische“ Politik würde sich nachweisen lassen, war allen Großstaaten im Zeitalter des Imperialismus gemeinsam)...“ Das zeigt die - leider nur anfängliche - Bescheidenheit Fischers: Obwohl die komplexe Vorgeschichte des Großen Krieges, der ja nicht nur ein deutscher, sondern eben ein Weltkrieg war, angemessen nur international zu erfassen ist, konzentrierte er seine Forschungen legitimerweise auf e i n e von fünf europäischen Großmächten, eben das Deutsche Reich. Das war damals auch kaum anders möglich. Und auch der ergänzende Hinweis auf den europäischen Imperialismus des späten 19. und des 20. Jahrhunderts klingt nicht nach deutscher Alleinschuld.

Doch traten Fritz Fischers Thesen, in denen sich neben Überzeugendem auch Bestreitbares findet, ihren internationalen Siegeszug nicht in ihrer differenzierten, sondern der vergröberten Form an. Fischer, der also anfänglich selbst auf die Notwendigkeit hinwies, die Politik aller Großmächte zu analysieren, vergaß seine eigene Einschränkung und beharrte nicht mehr auf diesem Weg: Er verhielt sich wie der berühmte Philosoph Max Scheler. Er beantwortete die Kritik, er halte sich nicht an die von ihm selbst verkündeten Prinzipien locker: „Geht etwa der Wegweiser dahin, wohin er zeigt?“ Das unhaltbare Ergebnis war eine generelle Schlußfolgerung über eine vermeintliche deutsche Alleinschuld, der jegliche empirische Basis in der Analyse der anderen kriegführenden Großmächte fehlte. Sie besitzt bis heute kaum übersehbare geschichtspolitische Wirkungen.

Dabei spielte generell der methodisch unhaltbare interpretative Rückblick von den Kriegsursachen des II. Weltkriegs auf den I. eine Rolle: Da es für den II. Weltkrieg keinen Zweifel an der Verantwortung des nationalsozialistischen Deutschland und Hitlers gibt, wurde kurzer Hand das in keiner Weise vergleichbare komplexe Ursachengeflecht von 1914 in Analogie zu 1939 auf Deutschland reduziert und eine fatale expansionistische Kontinuität, ein „deutscher Sonderweg“ konstruiert.

Erst nach Jahrzehnten änderte sich diese Fehlinterpretation, wenngleich noch eher in Ausnahmeform: Während die Mehrzahl der Forscher und der Öffentlichkeit an dieser national-pädagogisch akzentuierten Deutung festhielt, erschienen einzelne Werke, die sich auf die multinationale Ursachenproblematik einließen. Und bezeichnenderweise wurden sie zunächst nicht in Deutschland erarbeitet. Ich beschränke mich auf drei Beispiele: 1989 erschien in Paris das durch die Académie des sciences morales et politiques preisgekrönte große Werk von Georges-Henri Soutou „L’or et le sang. Les buts de guerres économiques de la Première Guerre mondiale », der auf der Basis außerordentlich reicher Archivstudien vergleichend einen wesentlichen Teil, nämlich die ökonomischen Kriegsziele Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und den USA analysierte. Aber auch für dieses fundamentale Pionierwerk konnten die russischen Archive noch nicht ausgewertet werden. Schließlich erschien schon zwei Jahre vor dem Gedenkjahr 1914 der vieldiskutierte Bestseller von Christopher Clark „Die Schlafwandler“. Auch er hat - allerdings in begrenztem Maße - russische Archivalien herangezogen und den Blick insgesamt geweitet. Der wichtigste Neuigkeitswert seines Werkes liegt vor allem auf der Untersuchung der Balkan-Problematik, insbesondere der Rolle Serbiens. Dies und die stärkere Einbeziehung der Polarisierungen innerhalb der Jahrzehnte vor dem großen Krieg vermeidet die einseitige Fixierung auf die deutsche Rolle, in der Christopher Clark mit guten Gründen weiterhin eine wesentliche Mitverantwortung, aber eben keine Alleinschuld sieht. Auch die neuesten großen Gesamtdarstellungen, die im vorigen Jahr veröffentlicht wurden, etwa die von Jörn Leonhard oder Herfried Münkler, gehen auf die russische Rolle ein, jedoch nicht auf der Grundlage größerer Recherchen in russischen Archiven.

Und damit haben wir zwei singuläre Vorzüge des Werkes von Sean McMeekin: Bisher hat kein westlicher Forscher so intensiv archivalische russische Quellen ausgewertet wie er und sich so eingehend mit Rußlands Rolle für die Verursachung des I. Weltkriegs beschäftigt. Dafür war nicht allein seine erwähnte Sprachkenntnis die Voraussetzung, sondern auch der unvoreingenommen Blick: Sean McMeekin hat sich weder von der Mehrheitsmeinung am freien Denken hindern lassen, noch hat er sich damit zufrieden gegeben, stereotyp die vermeintliche Alleinschuld Deutschlands als Riegel vor die Frage zu schieben, wie die Verantwortlichkeiten der anderen kriegführenden Großmächte in der Julikrise 1914 zu bewerten sind. Anders als Christopher Clark beschränkt er sich nicht auf Vorgeschichte und Julikrise, sondern bezieht die Politik bis zur Oktoberrevolution 1917 ein. Und in weitaus größerem Maße als bei den anderen Interpreten berücksichtigt Sean McMeekin die Zerstörung des Osmanischen Reiches als Ziel der russischen Politik. Dies ist auch für die Folgen wesentlich, endete der I. Weltkrieg doch mit dem Untergang dreier Großreiche, des Habsburgerreichs, des russischen Zarenreichs und eben des Osmanischen Reiches, was im Nahen Osten bis heute Nachwirkungen hat. Das Werk eröffnet also neue Perspektiven und mehrere Interpretationsebenen, die dann tatsächlich neue Antworten auf die alte und brennende Frage ermöglichen: Wie kam es zum Ausbruch des I. Weltkrieges, wie sind die Verantwortlichkeiten verteilt? Diese Verdienste seines Werkes sind nach 100 Jahren Interpretationsgeschichte wahrlich eine zu rühmende Leistung.

Sean McMeekin skizziert die russische Politik in den beiden Balkankriegen 1912/13 mit Rückblick auf die Vorgeschichte vom Krim-Krieg 1853-1856 über den Russisch-Türkischen Krieg 1877/78 mit dem Berliner Kongress 1878, bei dem die gewonnenen Gebiete durch die Politik des „ehrlichen Maklers“ Otto von Bismarck und Benjamin Disraeli wieder verloren gingen – ein wertloser Sieg für Rußland, der Mißtrauen gegen das Deutsche Reich schürte. Allerdings war diese Sicht insofern einseitig, als Bismarck als Vermittler keinen unbegrenzten Spielraum besaß und wegen ihrer gegensätzlichen Interessen nicht alle Beteiligten zufriedenstellen konnte . Es folgten die Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg 1904/1905 und die Balkankriege – alles in allem eine Serie von Mißerfolgen, die das Zarenreich als Demütigung empfand, was den Wunsch nach Kompensationen steigerte. Wie wesentlich diese Vorgeschichte ist, zeigt die Bemerkung: „Der Erste Balkankrieg lieferte einen kritischen Probelauf für die Planungen der russischen Militärstrategen. Es lohnt sich, gewisse Details der Krise zu untersuchen, denn in fast jeder wichtigen Einzelheit nahm sie die russischen Optionen während der Julikrise 1914 vorweg.“

Zugleich aber zeigen diese Kriege ein erhebliches imperialistisches Potential des Zarenreichs. Er schildert die russisch-österreichischen Interessengegensätze auf dem Balkan und vor allem das Ziel russischer Expansionspolitik, die Meerengen am Bosporus und den Dardanellen zu annektieren bzw. das siechende Osmanische Reich aufzulösen, längst bevor es zum Weltkrieg kam. Er verweist auf die enorme wirtschaftliche Bedeutung der Meerengen für den russischen Export, der ungefähr zur Hälfte durch sie abgewickelt wurde. Als während des –türkisch-italienischen Krieges die türkischen Meerengen für 18 Monate gesperrt waren, bedeutet dies einen außerordentlich schweren Rückschlag für die russischen Exporte. Damit ist ein Konfliktpotential benannt, das zwar auch in der bisherigen Forschung nicht unbekannt war, aber hierfür wie im Falle anderer Krisen werden die Problemlagen neu beleuchtet. Dies gilt beispielsweise in Bezug auf Rußlands Rückzieher bei der Annexion von Bosnien-Herzegowina durch das Habsburger-Reich 1908, als das Deutsche Reich Druck ausübte, schließlich das deutsche Engagement für den Bau der Bagdad-Bahn südlich der russischen Grenze. Nicht allein das Osmanische Reich, auch das Habsburger Reich sah die russische Regierung als konkurrierendes und geschwächtes Imperium an, das es aufzulösen galt. Schließlich empörte sich die russische Regierung, als die Türken mit Einverständnis des Deutschen Reiches dem deutschen Offizier Liman von Sanders 1914 das Oberkommando über die Bosporus-Truppen übertrugen.

Ich kann Ihnen hier die zahlreichen Detailanalysen nicht vorführen, doch werden sie alle konsequent in den Kontext der Vorgeschichte des Weltkriegs gestellt. McMeekins Schlußfolgerung bestätigt die Charakterisierung des imperialistischen Zeitalters: „Weder die Deutschen noch die Russen hatten ihren imperialistischen Hunger ausreichend gestillt.“

Sodann behandelt das Buch die russischen Planungen für einen Angriffskrieg auf das Osmanische Reich sowie die unterschiedlichen Positionen innerhalb der russischen Regierung, bevor die Analysen der strategischen Lage in Europa in die Darstellung der Julikrise münden. Hier sehe ich zwei besondere Verdienste des Buches: Zum einen seziert McMeekin scharfsinnig die russische Mobilisierungspolitik, die offiziell zunächst als Teilmobilisierung galt, faktisch aber schon fünf Tage vorher – am 25. Juli - als im allgemeinen angenommen, eine Generalmobilmachung darstellte. Sie richtete sich nicht wie die vermeintliche Teilmobilmachung gegen Habsburg, sondern ebenso gegen das Deutsche Reich, was aus den nördlichen Aufmarschgebieten nachweisbar ist. Die Generalmobilmachung wurde aber in einem meisterhaften diplomatischen Versteckspiel des russischen Außenminister Sasonow auch den Briten verheimlicht, damit sie nicht Rußland als Aggressor ansahen, sondern das Deutsche Reich. Andererseits wurde dieses dadurch unter Druck gesetzt und die deutsche Führung beging den schweren Fehler, am Schlieffen-Plan festzuhalten: Der Einmarsch in Belgien war ein Völkerrechtsbruch, weil er die Neutralität dieses Staates verletzte. Dieser über Belgien gegen Frankreich geführte deutsche Angriff („Sichelschnitt“) setzte damit zugleich die Russen in den Augen der Briten ins Recht.

Der zweite große Gewinn führt korrespondierend die Untersuchung von Stefan Schmidt über „Frankreichs Außenpolitik in der Julikrise“ (2009) weiter. Hier gibt es das schon für sich genommen sehr aussagekräftige Phänomen, daß wir für den Besuch des französischen Staatspräsidenten Raymond Poincaré beim Zaren und der russischen Regierung in St. Petersburg vom 20. bis 23. Juli 1914 weder französische noch russische Gesprächsaufzeichnungen oder auch nur Notizen haben. Dies ist aber eine entscheidende Frage sowohl für die russische als auch die französische Mitverantwortung am Kriegsausbruch: Hat Frankreich gegenüber Rußland – wie Deutschland gegenüber Habsburg – einen Blankoscheck zur durchaus offensiven, wenn nicht aggressiven Kriegsvorbereitung ausgestellt?

Zwar kann auch McMeekin die fehlenden Quellen nicht herbeizaubern, aber durch eine minutiöse Rekonstruktion aus Briefen, anderen Gesprächsaufzeichnungen, indirekten Hinweisen, Memoiren französischer und russischer Akteure kann er doch weitgehend die Einschätzung erhärten, daß Poincaré nicht allein über die russischen Kriegsvorbereitungen informiert war, sondern sie unterstützte. Beide, Poincaré und Sasonow, waren nach seinen Recherchen bereit, den Krieg zu riskieren. Und das heißt: Ihre Kriegsbereitschaft war derjenigen der österreichischen und deutschen Politik durchaus vergleichbar.

Im übrigen verweist Mc Meekin realistisch darauf, wie sekundär die Bedeutung des offiziellen Panslawismus und die Serbiens für die russische Machtpolitik tatsächlich war: „Zu glauben, dass Rußland sich wirklich zugunsten Serbiens auf den Krieg eingelassen hätte, ist naiv. Großmächte mobilisieren für gewöhnlich keine Millionen Mann starken Armeen, um die territoriale Integrität kleinerer Satellitenstaaten zu schützen.“ Damit wird die Bedeutung des österreichischen Ultimatums vom 23. Juli 1914 an Serbien für die russische Kriegspolitik weitaus realistischer eingeschätzt als bisher. Der Autor untermauert dies mit weiteren Argumenten und bettet die oftmals anzutreffende isolierte Behandlung der Wiener und der Berliner Politik in das gesamte Kriegsszenario ein. Die Türkei und Meerengenpolitik Rußlands waren also ungleich entscheidender als der vorgeschobene serbische Kriegsgrund.

Zugleich aber findet sich darin eine ebenso generelle wie aktuelle Erkenntnis über Großmachtpolitik- Sie ist nicht erfreulich aber heute wie gestern von methodischem Belang: Das Ziel, die eigene Einflußsphäre auszudehnen, kann man moralisch verurteilen, doch ändert dies bis heute nichts an den Realitäten der Großmacht-Politik – und: Es handelt sich nicht nur um ein Kriterium deutscher Kriegszielpolitik in der so verhängnisvollen Julikrise 1914.

Sean McMeekin bekräftigt seine Interpretation der russischen Politik in den weiteren Kapiteln seines Buches, indem er zunächst pointiert „Rußlands Krieg“ sowie die Rolle der Türkei im Krieg schildert, bevor er die katastrophale Niederlage der Entente im Gallipoli-Feldzug untersucht. Es folgen Darstellungen über Rußlands Armenien-Aktivitäten und ihr Kriegsengagement in Persien. Dies alles bestätigte die russische Kriegszielplanung ebenso wie die Verhandlungen innerhalb der Entente, in denen 1916 die territoriale Aufteilung des Osmanischen Reiches geplant wurde: Rußland ließ sich auf der Grundlage von Zugeständnissen an Großbritannien und Frankreich die türkischen Meerengen zusichern. Infolge der Kriegsbeendigung durch die russische Oktoberrevolution und den separaten Friedensvertrag von Brest-Litowsk blieb dieser Traum aber unrealisiert. Und damit nicht genug: Im Vertrag von Sèvres 1920 erhielt Sowjetrußland nicht ein einziges Stück vom nun verteilten Osmanischen Kuchen, nicht einmal ein Völkerbunds-Mandat.

Wenn Sean McMeekin abschließend die historischen Erinnerungslücken im Kontext der Oktoberrevolution darstellt, trifft er nicht allein ein historiographisches Problem der russischen Geschichtsschreibung, sondern der heute so vielberufenen Erinnerungskultur überhaupt. Der I. Weltkrieg galt der bolschewistischen Sowjetführung durchaus gut begründet als ein allgemeiner imperialistischer Krieg, weswegen weder ein besonderes politisches, noch ein davon abhängiges Forschungsinteresse für ihn bestand. Das erklärt bis heute das Defizit der russischen Geschichtsschreibung, die sich seit einigen Jahren allerdings stärker dafür zu interessieren beginnt. Geradezu komplementär mutet das westliche Desinteresse an, das mit seiner Fixierung auf die deutsche Alleinschuld eine spezifische Analyse der russischen Kriegszielpolitik für überflüssig hielt – vom fehlenden Quellenzugang einmal abgesehen.

Nahezu sensationell ist deshalb Sean McMeekins Gesamturteil: „Der Krieg von 1914 ist viel eher als Russlands Krieg denn als Deutschlands Krieg zu betrachten.“ Darüber kann man, muß man diskutieren. Wenngleich ich selbst nicht so weit gehen würde, sondern eine abgestufte Verantwortung aller Großmächte sehe, so kann man nach diesem Werk tatsächlich nicht mehr in der früheren Weise von Deutschlands Krieg reden. Es handelte sich, so meine ich, um den Krieg a l l e r beteiligten Großmächte, die ihre unterschiedlichen, aber gegensätzlichen Interessen verfolgten und jeweils spezifische Mitverantwortung trugen. Russland stand dabei mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich in der ersten Reihe und Frankreich nicht weit dahinter. Großbritannien war m. E. zwar nicht hauptverantwortlich, aber durchaus mitverantwortlich. Doch diese Fragen sollte man dann auf der Basis von Sean McMeekins anderem einschlägigen Werk „Juli 1914“, sowie der weiteren Neuerscheinungen, darunter auch Georges-Henri Soutous zweitem Weltkriegsbuch „La grande Illusion. Quand la France perdait la Paix 1914-1920“ behandeln.

Heute gratuliere ich Ihnen, lieber Herr Kollege McMeekin, herzlich zu Ihrer bedeutenden und weiterführenden Forschungsleistung, die ein überraschend neues Bild der Ursachen und Kriegsziele des I. Weltkriegs bietet. Ich gratuliere Ihnen zugleich zu der hochverdienten Auszeichnung mit dem Preis der Kronauer-Stiftung.

Prof. Dr. Dr. h.c. Horst Möller