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ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

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Tischrede Dr. Stefan Scheil  Druckansicht

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Kronauer-Stiftung hat mich gebeten, die heutige Tischrede anlässlich der Verleihung des Historikerpreises der Kronauer-Stiftung zu übernehmen.

Mit der Auswahl des diesjährigen Preisträgers nähert sich die Stiftung, die ihre Tätigkeit bekanntlich der Aufarbeitung des totalitären Zeitalters und seiner Ursprünge gewidmet hat, eben diesen Ursprüngen an. Diese sind, daran kann kaum ein Zweifel bestehen, im Umfeld des Ersten Weltkriegs zu suchen, den die Zeitgenossen zunächst einmal den "Großen Krieg" nannten. Er und seine Begleitumstände haben die Völker und Gesellschaften der damaligen Zeit zutiefst erschüttert. Dass der Erste Weltkrieg deshalb die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen sei, ist deshalb keine ganz neue Ansicht. Sie wurde als Formulierung im Jahr 1979 vom amerikanischen Diplomaten George Kennan geprägt und hat seitdem eine beachtliche Karriere gemacht.

Dies verdankt sie nicht zuletzt einer gewissen Unschärfe. Nicht immer ist man sich einig gewesen, ob diese Einschätzung zutrifft und noch nicht einmal, was darunter genau zu verstehen sei. Als eine Katastrophe wird normalerweise etwa ein Naturereignis aufgefaßt, das über die Menschen hereinbricht. Häufig lassen sich keine direkt Verantwortlichen dafür ausmachen. Man könnte vor diesem Hintergrund meinen, Kennan sei mit seiner Formulierung von den heftigen Debatten über Kriegsverantwortung und Kriegsschuld für das Jahr 1914 abgewichen oder habe sich über sie hinweggesetzt. Das hat nicht allen gefallen, zumal denen nicht, die Schuldzuweisungen in Sachen Neuester Europäischer Geschichte für eine politische Notwendigkeit halten.

Eine Katastrophe beeinflusst jedenfalls das Denken ihrer Zeitzeugen. Es gibt Prominente Beispiele dafür. Die vielleicht wirksamste Katastrophe im Lauf der europäischen Geistesgeschichte ist das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 gewesen. Mitten im Zeitalter der Aufklärung, das später einmal das Zeitalter der Vernunft bezeichnet wurde, starben bei dieser Katastrophe bis zu einhunderttausend Menschen. Danach war nichts mehr wie zuvor. Das bis dahin optimistische Denken von Philosophen und Künstlern in Europa wurde von tiefer Skepsis erfaßt. Man kennt etwa Voltaires höhnischen Roman Candide, über die angeblich beste aller Welten, worin der optimistische Protagonist als Narr in einer sinnlosen und hinterhältigen Welt dargestellt wird.

Jenseits aller politischen Verantwortungszuweisungen wurde ganz zweifellos der Erste Weltkrieg bei ungezählten Menschen zur Katastrophe. Die Dimensionen an Opferzahlen sprengten alles bis dahin Dagewesene, natürlich auch die Zahlen von Lissabon. Sie müssen hier nicht noch einmal aufgezählt werden. Dazu kamen die Opfer der Hungersnöte, etwa in Deutschland und schließlich noch die Spanische Grippe, die am Ende des Krieges ausbrach und noch einmal mehr Tote forderte, als es der Krieg vorher bereits getan hatte. Schließlich folgten die Opferzahlen der russischen Revolution, die dann alles vorherige noch einmal übertroffen haben. Unser jüngst verstorbenes Kuratoriumsmitglied Professor Ernst Nolte hat besonders diesen letzten Aspekt als einen zentralen Aspekt der folgenden Geschichte des 20. Jahrhunderts betont.

So folgte dem Weltkrieg denn das Totalitäre Zeitalter, das nicht nur Skepsis brachte, wie sie nach Lissabon geherrscht hatte, sondern als Antwort auf die Katastrophe nach radikalsten Lösungen suchte. Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat darauf hingewiesen, dass dies vielleicht nicht hätte sein müssen, wäre der Weltkrieg nicht nur eine Katastrophe gewesen, sondern auch noch gewissermaßen "falsch" ausgegangen. Bei einem deutschen Sieg, oder wenigstens - ohne deutsche Niederlage, hätte es, so Hobsbawm, mit großer Wahrscheinlichkeit weder den Stalinismus noch den Nationalsozialismus gegeben, sondern eine Verwaltung Mittelosteuropas, die bei aller Kritik am damaligen deutschen Regierungssystem sicher keinerlei totalitär Erscheinungen gezeigt hätte. Das ist Spekulation, natürlich. Jedoch: Die 1918 siegreichen Westmächte und die USA hatten damals keine politische Vision und wenig nachdrückliches Interesse für das östliche Europa, das läßt sich als historische Tatsache festhalten.

Diese damals vielleicht mögliche Zukunft, die heute wohl ebenfalls vergangen wäre, ist nie eingetreten. Heute blicken wir auf eine ganz andere Vergangenheit zurück.

Diese prinzipielle Offenheit der Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten. Der Krieg von 1914 wurde aus scheinbar rationalen machtpolitischen Gründen ausgelöst, nicht zuletzt von Rußland aus. Das hat der diesjährige Preisträger Sean McMeekin klar aufgezeigt. der Ursprung des totalitären Zeitalters liegt jedoch ebenfalls in diesem Krieg, ohne dass diese Aussicht den entscheidenden Personen 1914 schon vor Augen gestanden hätte. Wie eingangs gesagt, nähert sich die Erich und Erna Kronauer-Stiftung dem Kern ihrer selbstgegebenen Aufgabe, wenn darauf hingewiesen wird.

Dr. Stefan Scheil